Nahtstelle zur Stadt:
    Vom BAYERwerk zum Chemiepark
Leverkusen

 

Wissensstadt

 Ho Seop Kim / Ju Hee Cho 

Rheinisch Westfälische Technische Hochschule Aachen
Lehrstuhl und Institut für Städtebau und Landesplanung



ABSTRACT DER ENTWURFSIDEE

Die weltweiten ökonomischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse sind auch in Leverkusen spürbar. Sowohl der ehemalige Produktionsstandort des Bayerwerksgeländes als auch die Stadt Leverkusen stagnieren, was sich unter anderem in der Zunahme von Brachflächen äußert. Um diesem Zustand entgegen zu wirken, muss die industriell geprägte Struktur des ehemaligen Bayerwerkes verändert werden. Daher schlagen wir einen schrittweisen Prozess vor, der eine kontrollierte Wandlung vom Industriestandort zum Chemiepark und schließlich zur  Wissensstadt  ermöglicht.
Die Veränderung zur Wissensstadt wird auf der Fläche der einzelnen Blockeinheiten des ehemaligen Bayerwerks durchgeführt. Schlüsselprojekt des gesamten Wandlungsprozesses ist das nördlich des Carl-Duisberg-Parks gelegene Areal des Werksgeländes, der Aufgabenbereich III. Dieser Bereich bildet den Nukleus der zukünftigen Wissensstadt. Ihm fällt die Rolle zu,  Generator für die Transformation  weiterer Blöcke des Werksgeländes zu sein. Aufgabenbereich I und Aufgabenbereich II können je nach Entwicklung dieser Wissensstadt den jeweiligen Ansprüchen und Anforderungen angepasst entwickelt werden.






Neuorientierung

Das Bayerwerk wurde als passende Antwort auf die industriellen Anforderungen vor 100 Jahren gebaut und Leverkusen hat ein adäquates Umfeld für die Anforderungen des Bayerwerkes geschaffen. So ist eine symbiotische Verbindung entstanden. Der wirtschaftliche Erfolg und die Entwicklung des Bayerwerkes hat die Entwicklung Leverkusens beeinflusst. Zum Ende des 20. Jahrhundert setzten wirtschaftliche und ökonomische Veränderungen ein. Sie führten zu einer qualitativen Veränderung der Industriestruktur.


Wandlung

Fordismus
Maschine
Industriegebiet
>     Post-Fordismus
>     Menschen
>     Cluster

Das Modell der Industriestadt, das sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, genügte den neuen Anforderungen nicht mehr. Für die neu entwickelten Technologien und neuartige Konsumgüter werden neue Fertigungstechnologien benötigt. Die Umorientierung der Fertigungsphilosophie führte zu einer Änderung der Gewichtung der einzelnen Elemente und somit auch zu einer Veränderung der Form, Charakter und äußeren Beziehung der Arbeitsumgebung. Der Einfluss dieser spezifischen Veränderungen des Bayerwerks und der Stadt Leverkusen auf die Umstände der Gegenwart sind Gegenstand in unserem Projekt, das sich auch mit Überlegungen für ein mögliches Szenario auseinandersetzt.


Wandlungsprozess zur Wissensstadt

Das Bayerwerk hat ein Jahrhundert lang den schnell wechselnden Anforderungen an Produktion, Technik und Distribution standhalten können. Das lag auch an der überdauernden Konzeption Carl Duisbergs. Für die heute anstehenden Wandlungsprozesse müssen wir uns auch denselben Rahmenbedingungen stellen wie Carl Duisberg zu seiner Zeit. Wir betrachten den Chemiepark deshalb als einen Zwischenschritt, als eine Übergangsperiode zu einer Wissensstadt. Während der Anteil der Produktion innerhalb des Chemieparks schrumpfen wird, wird der Anteil wissensbezogener Bereiche, also die Wissensstadt, wachsen.

Die Ansprüche der Wissensstadt und die Ansprüche der Menschen in der Wissensstadt sind identisch. Beide Gruppen stellen besondere Ansprüche an Kultur, Natur und Kommunikation. Diese Ansprüche werden aber auch von einer normalen Stadt und seinen Einwohnern gefordert. Der Chemieparks wird also nicht nur in eine Wissensstadt umgewandelt, sondern in eine richtige Stadt.

Das Schrumpfen der Produktion innerhalb des Chemieparks lässt sich aufgrund der dynamischen Änderung der Marktsituation nur schwer abschätzen. Durch den Schrumpfungsprozess entsteht eine Chance zu einer schrittweisen Öffnung. Durch die schrittweise Öffnung von Außen nach Innen kann sich die  Wissensstadt mit Kultur und Natur verzahnen . Durch diesen Ansatz kann den aktuellen ökonomischen Anforderungen entsprochen werden.


Blöcke

Die  Rasterstruktur wird beibehalten , da sie technologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, aber auch aus historischen Beweggründen. Die Veränderung zur Wissensstadt wird auf der Fläche der einzelnen Blockeinheiten durchgeführt. Die Größe der Blöcke ist abhängig vom Investitionsvolumen, d.h. die bestehenden Blöcke können je nach Investitionsvolumen geteilt oder aber zusammengelegt werden. An denjenigen Stellen der Blöcke, an denen aufgrund der ökonomischen Umstrukturierungsprozesse Freiräume entstehen, wächst die Wissensstadt. Der Schrumpfungsprozess Wissensstadt knüpft unmittelbar an den heutigen repräsentativen Einrichtungen des Bayerwerk Geländes nördlich des Carl-Duisberg-Parks an.


Rückzug der Grenze

Die markanteste Veränderung durch die Entstehung der Wissensstadt  wird durch das Zurückweichen der seit 100 Jahren bestehenden physikalischen Grenze deutlich. Der Fortschritt des Menschen durch Erweiterung seines Know-hows und der Fertigungstechnologien beeinflusst die innere und äußere Raumstruktur. Kurz zusammengefasst: Das frühere Industriegebiet soll Stadt-Charakter bekommen. So entwickelt es sich zu einer Wissensstadt, die durchlässig und offen organisiert sein muss.


Grenze und Grenzort

Durch die Auflösung der Grenze zwischen dem ehemaligen Bayer-Werk und Wiesdorf entwickelt sich die Möglichkeit, hier einen gehobenen Wohnstandort und Kultureinrichtungen zu etablieren, der die Wissensstadt ergänzt.


Szenario

In unserem Szenario einer Zukunftsstadt des 21. Jahrhunderts haben wir zwei Plots. Der Plot KULTURSTADT bezieht sich auf das neue Stadtzentrum für Leverkusen, der Plot WISSENSSTADT auf den Wandel des Chemieparks. Die beiden Plots zeigen den Wandel der historischen Beziehung zwischen dem Bayerwerk und der Stadt Leverkusen auf. Beide Plots entwickeln sich jeweils separat, aber sie beeinflussen sich gegenseitig.

In unserem Szenario haben wir für beide Elemente einen Generator bestimmt.

In der Kulturstadt übernimmt das ECE* Projekt diese Funktion, für die Wissensstadt wird ein Hochschulprojekt vorgeschlagen. Diese Einrichtung wird sukzessiv durch hochwertige Forschungs- und Dienstleistungseinrichtungen ergänzt. Hierdurch können neue hochqualifizierte Arbeitsplätze entstehen, für die gleichzeitig neue Wohnangebote geschaffen werden, die das Stadtbild Leverkusens verändern.
[ * Der Firmenname ist ein Akronym für Einkaufs-Center Entwicklung. ...
Die ECE Projektmanagement GmbH & Co. KG ist ein deutsches Unternehmen mit Hauptsitz in Hamburg, das gewerbliche Großimmobilien entwickelt, realisiert, vermietet und betreibt. ...
Quelle: de.wikipedia.org 30.09.2007 ]


Die Vorsorgungsanlagen im Nordwesten des Chemieparks werden in dieser Phase der Wissensstadt angegliedert. Mit diesem Schritt ist nun das alte System der Produktion abgelöst und die alten Grenzen des Chemieparks sind verschwunden. Die Wissensstadt ist Element der Metropolregion Rhein-Ruhr geworden und spielt neben Düsseldorf und Köln eine wichtige Rolle im Rheinland.

In dieser Phase sind die Veränderungen der Blöcke nördlich des Carl Duisbergs Parks vollendet. Südlich des Carl-Duisberg-Parks bleibt der Chemiepark in seiner ursprünglichen Form erhalten. Dies hat zwei Gründe. Grund Eins ist die Sicherung der dortigen hochqualifizierten Arbeitsplätze. Grund zwei ist, dass dieses Gebiet als Produktionsstandort für den Output der Wissensstadt dienen kann. Die Blöcke westlich des Carl-Duisberg-Parks bilden eine Pufferzone zwischen der Wissensstadt im Norden und dem alten Chemiepark im Süden. Und dort besteht die Option, den Carl-Duisberg-Park mit dem Rhein zu verbinden. Dieses Entwicklungsszenario betrachten wir als eine selbständig wachsende Vision, die durch die Implementierung von den Schlüsselprojekten gestartet und räumlich gesteuert werden kann.


Schlüsselprojekt Wissensstadt

Die Prinzipien der Neustrukturierung sind:

Prinzip 1: Fassadensanierung + + + +
Dieses Prinzip sieht vor, die Fassaden der unter Bestandschutz stehenden Gebäude zu sanieren. Dies geschieht ebenfalls bei Gebäuden, die aufgrund ihrer Lage und Ausrichtung problemlos in das neue Konzept integriert werden können.

Prinzip 2: Sanierung und Subtraktion + + + +
Der Innenraum der Gebäude bleibt erhalten und wird durch Umbau und Sanierung an neue Funktionen angepasst. Gebäude, deren Bausubstanz nicht erhaltenswert ist, werden sukzessive abgerissen, um neue qualitätvolle Freiräume innerhalb der Blocks schaffen zu können.

Prinzip 3: Umbau und der Ergänzung der Blocks + + + +
Die charakteristischen Gebäude, die das Stadtbild prägen, werden beibehalten und durch die Anlagerung neuer Funktionen vergrößert. Dies ermöglicht beispielsweise, die neue Mediathek der Hochschule in die vorhandenen Bestände zu integrieren.

Prinzip 4: Speicherung der Erinnerung an das alte Bayerwerk durch Bewahrung visueller Elemente + + + +
Es wird ein neuer Freiraum innerhalb der alten Fassaden geschaffen, indem nur Teile der Fassade und konstruktive Elemente erhalten werden. Dieser Freiraum stellt einen Ort der Erinnerung dar.

Ziel dieser Neustrukturierung ist daneben, in den jeweiligen Blöcken neue Freiräume zu schaffen, die die Raumqualitäten innerhalb der Blöcke verbessern.

Der Fahrverkehr wird auf den Blockaußenseiten abgewickelt. Die Blockinnengebiete sind als autofreie Zone geplant. Parkmöglichkeiten befinden sich in Tiefgaragen unter den Blöcken.


Nutzung der Wissensstadt

Den unteren Teil des Blockes E haben wir für die Hochschule vorgesehen, die beiden Gebäude rechts im Block E beinhalten heute die Polyklinik und das Labor, die Hochschule wird daher hier angegliedert, um diese Funktionen zu kombinieren. Im oberen Teil befinden sich die Erweiterungen der Hochschule und das Forschungszentrum. Rechts davon wird eine Mediathek entstehen. Auf der anderen Straßenseite der B8 entsteht ein Kulturband mit Kulturzentren. Aufgrund der programmatischen Verwandtschaft der Mediathek mit dem Kulturband sind diese beiden Gebäude räumlich verbunden. Im unteren Teil der übrigen zwei Blöcke sind die Verwaltungsgebäude und das Headquarter untergebracht, während im oberen Teil der Blöcke forschungs- und dienstleistungsbezogenes Gewerbe angesiedelt werden. Die alten breiten Verkehrswege hatten auch die Funktion, die einzelnen Blöcke zu versorgen. Dieser Raum soll weiterhin als Fuß- und Radweg genutzt und räumlich aufgewertet werden.


Bauphasen

Das Hochschulprojekt startet als Bauphase I. Von hier ausgehend wird die Entwicklung in nördlicher und westlicher Richtung weitergeführt. Am Ende des Bauvorhabens wird das gesamte Bayerwerk in eine Wissensstadt umgewandelt sein.


Zusammenfassung

Das Bayerwerk war die passende Antwort auf die Anforderungen der Industrie vor 100 Jahren und Leverkusen war die entsprechende Reaktion auf die Anforderungen des Bayerwerkes.
Durch die eingegangene Symbiose zwischen dem Bayerwerk und Leverkusen während des letzten Jahrhunderts haben sich beide Parteien den Problemen gemeinsam gestellt und sich gemeinsam entwickelt.
Aber in der heutigen Zeit stehen beide vor neuen Herausforderungen und Problemen. Mit der schrittweisen Umwandlung in eine Wissensstadt stellt sich das Bayerwerk dem Wandel der heutigen Industrie  von der maschinen- bzw. verfahrens-lastigen Produktion hin zur Wissensgesellschaft (Know-how) .
Die treibende Kraft für den Wandel vom Bayerwerk über den Chemiepark zur Wissensstadt wird das Grundbedürfnis nach Kommunikation und Beziehung sein, das die künftige Gesellschaft prägt. Aufbauend auf der Rastertypologie des 20. Jahrhunderts wird dieses Grundbedürfnis in das neue Jahrhundert übertragen.