Nahtstelle zur Stadt:
    Vom BAYERwerk zum Chemiepark
Leverkusen

 

Legenden

 Angélique DUBOIS 

"Belobigung"
Kunsthochschule für Medien Köln


ABSTRACT DER ENTWURFSIDEE

Während die ursprüngliche Bedeutung des titelgebenden Begriffs Legende eine wahrhaftige Begebenheit oder Erfahrung schildert und der Belehrung und Erziehung dienen soll, so wird ihr heute eine Mischung aus mehr Dichtung als Wahrheit, mit geringem Beispielcharakter, zugesprochen.
In meinem Filmprojekt möchte ich genau diese Doppelwertigkeit aufgreifen, indem ich einzelne Spielszenen gegen reale Architekturbilder der Stadt Leverkusen und der Bayer AG in einer Short-Cut Struktur montiere.
Der Schauplatz der  LEGENDEN  ist das Gebiet um die Bayer AG, das sich, entweder durch (verkehrs-)technische, menschenleere Bebauung oder durch toxische Verseuchung, als Grenzgürtel zwischen Stadt und Werk legt. Dieser "Nicht-Ort" wird innerhalb der Fiktion zu einem Ort der Projektion, Phantasie und zu Neuland umgewertet.
Die Spielsequenzen werden allesamt aus "legendären" Westernklassikern großer Hollywoodproduktionen ausgewählt und mit (Laien-)Darstellern der Stadt Leverkusen re-inszeniert.
Die einzelnen Szenen greifen in ihren Dialogen die Themen der frühen Western, wie z.B. die Eroberung von Neuland, auf und stellen damit einen inhaltlichen Bezug zur Situation vor Ort.
Die scheinbar skurrile Gegenüberstellung wird deutlicher, betrachtet man Bayer, inzwischen selbst Legende, als Vertreter einer expansiven Industriekultur, und den Western als Ideologieträger, einer Eroberungspolitik.
Die in der Aufgabenstellung durchaus optimistische Forderung eines architektonischen Strukturwandels läuft, meiner Meinung nach Gefahr, denselben obengenannten Motiven zu folgen. So genügt es nicht, kosmetische Veränderungen "von oben herab" über zu stülpen, um die Problematik auf zu heben. So habe ich mich mit meinem Beitrag für ein filmisches Memorandum entschieden, indem die fiktionale Rückeroberung durch die Bevölkerung selbst vollzogen wird.



Das Projekt und die Fragestellung des Kulturkreises im BDI, "Stadt-Wohnen-Arbeiten: Lebenswelten der Zukunft", bezieht sich zunächst auf ein lokales Spezifikum der Stadt Leverkusen und der Bayer AG. Und es scheint, als wäre die Antwort auf eine Neuordnung des Bayer umgebenden "Brachlandes", eine traditionell, rein architektonische Umstrukturierung. Als bildende Künstlerin, möchte ich dieser jedoch einen fiktionalen Architekturentwurf —  einen Film  — entgegen- bzw. hinzustellen.
Zwischen Massenkultur und Kunst, als verspiegelter, reflexiver, virtueller Raum, ist der Film aus der industriellen und modernen Kultur entstanden. Ebenso, wie die Architektur, vereint der Film die Stichworte Stadt, Raum, Kultur und Wirtschaft und war prägend für die Entwicklung der modernen Metropolen, wie wir sie heute kennen. Nicht nur der Einfluss der Film-Architektur auf reale urbane Formen und Gestaltung ist deutlich, sondern auch die fiktionalen Entwürfe "zukünftiger Lebenswelten" nehmen soziopolitischen und räumlichen Einfluss.

Mein Filmprojekt untersucht zunächst zwei Teilaspekte einer Problematik, die eine urbane Umstrukturierung erfordern: die partielle Verödung der Stadt- bzw. Industrielandschaft und die Überalterung der Bevölkerung. Beides Faktoren, die auf die Situation in Leverkusen zutreffen.

Ein entscheidender Eindruck für mein Projektkonzept, war die signifikante Bedeutung des Neon-Bayer–Kreuzes für die Stadt Leverkusen. Analog zur Bedeutung des Hollywood-Schriftzugs für die Stadt Los Angeles, und die Entwicklung der Filmindustrie, steht das Bayerlogo für die industrielle Entwicklung der Stadt Leverkusen. Beide Schriftzüge, Synonyme für eine Stadt, sind inzwischen Legende.
Schriftzug Hollywood So spannt der Titel den Bogen über die Schwerpunkte Legende, Stadt und Mensch und rekurriert auf das Medium selbst.
Die Struktur meines Filmes wird durch eine Reihung von originalgetreuen Re-Inszenierungen, ausgewählter "legendärer" Hollywood Filmsequenzen im Leverkusener Stadtraum, gebildet, die in inhaltlichen Bezug zum Thema "Stadt-Wohnen-Arbeiten" stehen. Die (Laien-) Darsteller selbst werden aus den ortsansässigen Vereinen rekrutiert werden.



 1. Legende:   STADTRAUM 


Hinsichtlich der Problematik des ökonomischen, sozialen, kulturellen und räumlichen Strukturwandels, in der sich die Städte der westlichen Industrieländer befinden, und angesichts der fortschreitenden De-Industriealisierung (Stellenabbau, Wegzug in Billiglohnländer, Outsourcing, etc.), muss man bereit sein, sich von dem heutigen Gedanken der prosperierenden, progressiven Stadtlandschaft zu verabschieden.
Kleinere und mittlere Großstädte, wie Leverkusen, deren Bild hauptsächlich durch Großindustrie und die dadurch benötigten Verkehrs- und Transportlogistik geprägt sind, sind davon besonders schwer betroffen.
So ist Leverkusen ein Erbe der industriellen Revolution und wirkt, in der räumlich rigiden Aufteilung von Stadt und Großindustrie, wie ein Relikt.
Die entstandenen Grauzonen des Übergangs zwischen Bayer Gelände und der eigentlichen belebten Stadt werden die Drehorte und Schauplätze für die Re-Inszenierungen. In filmischer Re-Inszenierung soll sich die Bevölkerung der Stadt das Niemandsland zurückerobern. Die visuelle Überleitung der einzelnen Spielszenen wird mit Bildern der Industrie-, als auch Stadtarchitektur geschnitten, was die Dichotomie verstärkt. Diese bereitet den Boden für eine Art Unort, an dem sich die "surrealen" Hollywoodsequenzen abspielen können.



 2. Legende:   STADTMENSCH 


Durch den Wegfall von Arbeitsmöglichkeiten kommt für eine Stadt, wie Leverkusen, die zunehmende Abwanderung der jüngeren Generation hinzu. Der allgemeine Bevölkerungsrückgang durch ein Geburtendefizit lässt Städte und ganze Landstriche vergreisen. So veröffentlicht die Stadt auf ihrer Website: "Leverkusen ist laut der jüngsten Landesstatistik mit 28% der rund 160 000 Einwohner die Stadt in Nordrhein-Westfallen mit dem größten Anteil an Seniorinnen und Senioren".
Während die Geschichte, wie auch der Film, den Untergang von Kulturen oder Städten, wie Atlantis oder Pompeji, als katastrophisches Ausnahmeereignis schildert, ist das Schrumpfen der westlichen Städte, ein schleichendes, allmähliches Phänomen.
Das verwirrende für uns Europäer (und auch Amerikaner), ist, dass ausgerechnet und ausschließlich wir von diesem undynamischen Phänomen betroffen sind.
Seit Beginn der Geschichtsschreibung, hatten wir die wirtschaftliche und dadurch ideologische Macht. Wir haben die Geschichte und die Legenden geschrieben, nach eigener Gestalt und Interessen.
Um diesem Bild des schleichenden Niedergangs/einer endenden Epoche Rechnung zu tragen, möchte ich die Darsteller und Komparsen hauptsächlich aus der mittel alten und älteren Bevölkerung auswählen. Um meine Darsteller zu finden, werde ich mich in erster Linie an die Leverkusener Vereine wenden, da ich annehme, dass ich dort am meisten lokale Verbundenheit und Verantwortlichkeit finden werde.



 3. Legende:   FILM 


Die Auswahl der einzelnen Spielsequenzen erfolgt ausschließlich aus den großen Western-Filmen Hollywoods. Kein anderes Genre hat mehr zur Legendenbildung der industriellen Filmproduktion beigetragen und hatte einen größeren, bis heute andauernden, ideologischen Einfluss auf die Gesellschaft. Die darin kommunizierten Parolen des Pioniergeistes und des "go west", zeichnen sich bis heute in den Maximen einer expansiven, gewinnorientierten Wirtschaftpolitik ab.
 Das Entreißen der Spielsequenzen aus dem ursprünglichen Erzählfluss und deren "Implantierung" in das Leverkusener Stadtbild, ironisiert einerseits die Inbesitznahme des "Niemandslandes" und pointiert andererseits die Nahtstelle als offenen Raum.

Gegenüber dem Obertitel dieses Projektes des Kulturkreises "Vision – Stadt 21", in dem eine Gewissheit und ein Versprechen auf eine zukünftige Verbesserung mitschwingt, setzte ich bewusst den Titel LEGENDEN als Contrapunkt, der einen Rückgriff in die Geschichte und den Mythos impliziert. So ist die filmische Besatzung dieses Grenzbereichs durch die Bürger der Stadt Leverkusen auch eine Suche nach dem Potential des Ortes, und seiner Reaktivierung. Mittels der grotesken, surrealen Re-Inszenierung alter Westerndialoge, möchte ich den Planungsgebieten ein anarchisches, nichtlineares Moment etablieren.

 


URTEIL DER JURY

Die Arbeit "Legenden" besteht aus einem Filmplakat, einem Filmtrailer und einer erläuternden Präsentation. Die Vision Stadt 21 wird als umgekehrtes Entwicklungsszenario im Genre eines Western-Filmes dargestellt. Angst und Schrecken vor dem Ende der Arbeit im Bayerwerk sind stellvertretend durch bekannte Filmszenen und –musiken konterkariert und emotional pointiert.

Die Arbeit wird aus Gründen der Unvergleichbarkeit hinsichtlich der Vorgaben im Wettbewerb aus der Wertung herausgenommen und ausdrücklich für ihre Grundidee und deren Anriss gewürdigt. Eine weitere Bearbeitung durch die Autorin wird nachdrücklich empfohlen mit dem Ziel, "Legenden" als Kurzfilm herauszubringen und sich an den entsprechenden Wettbewerben (Oberhausen) zu beteiligen.