Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

Neu_denken!  Seit dem Frühjahr 2001 bearbeitet das GREMIUM ARCHITEKTUR des Kulturkreises das Thema "Stadt-Wohnen-Arbeiten: Lebenswelten der Zukunft". Daraus hervorgegangen ist das Projekt vision-stadt21.de, das die Arbeit der nächsten Jahre bestimmen wird:

_ _ _ Stadt _ _ Wohnen _ _ Arbeiten _ _ _
_ _ _ Stadt _ _ Wohnen _ _ Arbeiten _ _ _

Lebenswelten der Zukunft


Fragestellungen

Was wird aus der europäischen Stadt, was wird aus unseren Städten, deren Wachstum zum Stillstand gekommen ist am Ende einer industriellen Epoche, aus deren Zentren die Wirtschaftskraft entschwindet, das Gewebe der Wohngebiete aufreißt und der gesellschaftliche Konsens der Kulturen und Lebensformen brüchig wird?

Ist die europäische Stadt am Ende? Und was wäre dann das Gegenbild? Oder lässt sich eher erkennen, daß gesellschaftliche Umwälzungen der Informationsgesellschaft und die großräumigen Migrationbewegungen, die vergleichbar sind mit dem Aufbruch in das Industriezeitalter am Ende des 19. Jahrhunderts, den Umbau unserer Stadtstrukturen erfordern?

Stadt neu zu denken, Gestaltungsprobleme zu erkennen, wenigstens zu verstehen und die Entwicklung von Antworten auf drängende Fragen, auf demographische Veränderungen, gesellschaftspolitische Verwerfungen und Integrationen von Kulturen und Lebensformen zu versuchen, könnten die ersten Ansätze zum tiefgreifenden Handeln sein.
Das klassische Instrumentarium des Städtebaus, der große Plan versagt, Flächennutzungen sind nicht mehr planbar in Zeiten, da Nutzungen und Strukturen sich grundlegend verändern und zum Teil völlig verschwinden.


Analyse

Die zeitgenössische Stadt spiegelt vielfältige Transformationen struktureller Art: Die traditionelle Familie schrumpft oder erweitert sich zur Großgruppengesellschaft, die Arbeitsgesellschaft wird zur Wissensgesellschaft, die Unterscheidung von Werktag und Sonntag entfällt ebenso wie die von Tag und Nacht; Konsum, Kultur und Erlebnis verschränken sich und nicht zuletzt heißt es, mit den neuen Medien der Globalisierung sei der Raum als Kontinuum in der Zeit am Ende: Wir leben in einer spannenden Zeit der Strukturbrüche.
Deutlich wird das an den vielfältig differenzierten und auch zusammen hängenden Formen des Arbeitens:

Die Industrie flexibilisiert sich zur Just-in-time-Produktion mit intensiven Verkehrsbeziehungen: Was heißt heute Industriearbeit in der "Fabrik"?

Die Dienstleistung verlässt zum Teil das Büro und verschränkt sich mit Wohnen: Was heißt heute Dienstleistungsarbeit im "Büro"?

Die Information ist Grundlage aller Wissensbeziehungen und kommt aus vielen Kanälen: Was heißt heute Informationsarbeit im "Netz"?

Im Handel verschränken sich Konsum, Erlebnis und Kultur: Was heißt heute Konsumarbeit im "Kaufhaus"?

Das Informelle dominiert die wachsenden Märkte der Schattenwirtschaft: Was heißt heute informelle Arbeit in "Schatten-Märkten"?

Die "informalisierten" Beziehungen zwischen den analytisch getrennten Formen des Wirtschaftens transformieren auch zunehmend die festen städtebaulichen Typologien (die Fabrik, das Büro, das Kaufhaus, den Markt etc.): Wie reagieren Architektur und Städtebau auf die aktuellen "informalisiert informierten" Formen des Arbeitens? Was heißt heute Arbeiten in der Stadt des 21. Jahrhunderts? Durch die gesellschaftlichen Umstrukturierungen und durch die Veränderungen der Arbeitswelten entstehen neue Wohnformen. Wie reagiert die Architektur darauf? Welche neue städtebauliche Typologie entsteht?

Die Bedeutung von Regionen im globalisierten Wirtschaftsgeschehen wird größer - regionale wie auch lokale Wirkungen sind die unmittelbare Folge. Die Fragestellungen, die sich im Rahmen des zukünftigen Programms an Architektur und Städtebau richten, sollen auf beispielhafte regionale Räume mit besonderen Wirtschaftsschwerpunkten bezogen werden. Eine Kernfrage wird sein, ob trotz, oder gerade wegen der zunehmenden Globalisierung, Virtualisierung und Auflösung von Räumen - neue räumliche Ausformungen und Lebenswelten entstehen und ob sich neue Raumbilder auf den regionalen und lokalen Ebenen entwickeln?

Die Arbeit verändert sich, und mit ihr ändern sich Städte und Regionen. Auch wenn es solche Phasen von tiefgreifenden Veränderungen immer (wieder) gab, so sind die Prozesse dynamischer, komplexer und globaler geworden. Die strukturellen Brüche bedingen sich, hängen voneinander ab, verstärken sich. Aber, auch dieses gilt: Stadt wird wieder gemacht, neue Formen von Arbeit entstehen, bedingen Stadt und städtische Strukturen, verändern Lebenswelten und entwickeln neue.

In Kompensation zur laufenden Globalisierung wächst die Funktion und Bedeutung regionaler und lokaler Baukulturen und Traditionen bis hin zur Wiederentdeckung baukulturellen Erbes und der Suche nach dem "Bild der Stadt" (K. Lynch) oder dem Geist des Ortes. Gerade hier sehen wir auch eine außerordentliche Gestaltungsaufgabe für die Planer und Architekten: identitätsstiftende Architekturen oder auch "Produktion menschlicher Heimat".


Aufgaben

Der Kulturkreis wird sich in den nächsten Jahre mit konkret fassbaren Architekturaufgaben auseinandersetzen, mit Aufgaben, die als räumlich begrenzte Bauaufgaben eher als Katalysator städtischer Entwicklungen betrachtet werden können denn als große städtebauliche Projekte. Studierende von Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen werden eingeladen, um exemplarische Lösungen und neue Wege für diese Aufgaben zu erarbeiten. Lösungen mit hoher gestalterischer Qualität sollen als gesamträumliche Gebilde sichtbar werden. Wie sagte der Designer und Gestalter Otl Aicher: "Architektur kann man heute nicht planen, man kann sie nur entwickeln."

Außerdem sollte die Tätigkeit des Gremiums Architektur über die deutschen Grenzen hinaus auch Partnerschaften zwischen in- und ausländischen Hochschulen fördern. Für einige Standorte wollen wir diese Internationalität anstreben und z.B. die ETH Zürich, die Hochschule Delft oder die Universitäten Brüssel, Prag oder Kopenhagen einladen.

Was wollen wir aber nun genau tun?

Wir werden architektonische und städtebauliche Entwicklungstendenzen von Formen des Arbeitens, Wirtschaftens und Wohnens im 21. Jahrhundert am Beispiel ausgewählter Stadtregionen untersuchen.

Mit dem Bereich Arbeit wollen wir zunächst beginnen - wobei die strenge Trennung von Wohnen - Arbeiten - Handeln - Erleben - Erholen - in unserer Welt in vielen Bereichen bereits aufgehoben ist.
Wir haben typologisch die verschiedenen Formen des Arbeitens betrachtet und dazu Regionen ausgewählt, in denen wir diese Formen finden.

Architektur der Industrie, Fabrik und Lohnarbeit:
Industrielle Produktion hier und heute und ihre regionalen Effekte am Beispiel neuer Industrieansiedlungen (BMW, Porsche etc.)
z.B. im Großraum Leipzig.

Architektur der Dienstleistung, Konsum und Kultur:
Globale Dienstleistungen, Entertainment und Konsumkultur und ihre Effekte auf posttraditionale Gemeinschaften und Lebensstile in Rhein-Main (von EZB zu UEC)
z.B. im Ballungsraum Rhein-Main mit dem Zentrum Frankfurt am Main.

Architektur der Information, Netze und Technologien:
Neue Technologie, Informationsproduktion und globale Netzkulturen in Südbayern (Siemens-Stadt und "Software-Gürtel" etc.)
z.B. München.

Architektur des Umbaus, Schrumpfung / Industrielles Erbe:
Erbschaften der Industrielandschaften und Transformationshoffnungen in experimentellen Ansätzen von Planungskulturen ("Industrie-Kultur" im Emscher Park)
z.B. das bereits transformierte Ruhrgebiet oder das sich gerade umgestaltende Saarland.

Architektur des Informellen, Startups und Migranten:
Heterogene Lebensformen segregierter sozialer Gruppen und ihre Beziehungen in informellen Strukturen des europäischen Stadtzentrums (flexible Mitte, Mittelstand an neuen Ufern und Migrantenkulturen in Kreuzberg)
z.B. Berlin.


Aufgabenstellung für die Projekte in Völklingen und Leipzig

Die Fragestellungen sollen nacheinander und komplex verbunden angegangen werden. Zunächst werden zwei Schwerpunkte gesetzt: Das Saarland und der Großraum Leipzig.
Im Saarland (mit dem einmaligen Eisenwerk-Ensemble "Weltkulturerbe Völklinger Hütte") steht der Umbau einer Stahl- und Kohleregion in eine Kulturregion bevor. Ministerpräsident Peter Müller hat sich diese Aufgabe höchst persönlich vorgenommen und arbeitet konsequent auch im grenzüberschreitenden Bereich, also in Richtung Frankreich, Luxemburg und Belgien.
Und den Großraum Leipzig: Hier entstehen neue Arbeitsformen auf alten Industriegeländen, z. B. begleitet durch die Arbeitsgemeinschaft "Südraum Leipzig", die konsequent Umnutzungsprogramme anstößt. Hier entwickelt sich der Umbau einer "perforierten" Stadt, bedingt durch den Leerstand von schätzungsweise 80.000 Wohnungen, durch den drohenden Abriss, nachfolgende Brache, Stillstand und - man möchte es nicht glauben - Verwaldung! Wir wissen allerdings von Leipzig um die führende Rolle, die diese Stadt im Osten in der Diskussion um die schrumpfenden Städte spielt.

Transformation von altindustriellen Arbeitsstrukturen zu jung-industriellen Dienstleistungen im Grenzraum (Region ohne Grenzen) von "SaarLorLux" und die perforierte, rezentrierte, restrukturierte und internationale Industrie-, Messe- und Dienstleistungsstadt und -region Leipzig sind die ersten Aufgaben.

Andere Regionen und weitere Schwerpunkte werden folgen.