Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

 

artificial flowers

Simone HENNINGER

 
Hochschule für Kunst und Design, HALLE, Burg Giebichenstein
Fachbereich Kunst und Medien


Abstract

Die 'perforierte Stadt' wird durch 'artificial flowers' in einen künstlichen Naturraum transformiert:

Durch den Einsatz künstlicher Mittel wird der urbane Raum mit den ästhetischen und praktischen Qualitäten der Natur ausgestattet. Die durch die künstliche Natur transformierte Stadt wird zu einer neuartigen Landschaft, welche Möglichkeiten für neue Nutzungskonzepte jenseits von Wohnen und Gewerbe eröffnet, indem eine ästhetisierende Verhüllung an die Stelle des bloßen Leerstands tritt.

Der Lösungsansatz wird anhand einer detaillierten Konzeption für einen neuen Werkstoff konkretisiert: den 'Naturierungsstein'. Dabei handelt es sich um einen Glasbaustein mit integriertem TFT-Display, auf dem computergenerierte Naturprozesse visualisiert sind.





Man genießet an der Natur nicht, was man sieht
(sonst genösse der Förster und der Dichter draußen einerlei),
sondern was man ans Gesehene andichtet,
und das Gefühl für Natur
ist im Grunde die Phantasie für dieselbe.

Jean Paul




Die perforierte Stadt soll in einen künstlichen Naturraum transformiert werden. Der urbane Raum wird innerhalb dieser Transformation als sozialer und kultureller Ort erhalten und zugleich mit den ästhetischen und praktischen Qualitäten ausgestattet, die Natur besitzt.


1. NATUR UND STADT

Wenn man Natur als Gegensatz zu Kultur begreift, liegt es nahe, sie auf zwei Arten in das Problemfeld Stadt einzubringen.
Die sanfte Variante integriert Naturelemente ins Stadtbild, um die extremen Auswüchse des Urbanen harmonisch abzumildern. Die radikale Variante opfert große städtische Flächen einer umfassenden Renaturierung, um für den übrigen Teil der Stadt Naherholungs- und Erlebnisflächen zu schaffen.

Beide Varianten erscheinen angesichts der speziellen Problematik von Leipzig-Volkmarsdorf ungeeignet. Im bereits entvölkerten Stadtteil gibt es niemanden, der einen Grünstreifen genießen könnte und neue Bewohner werden durch ihn schon gar nicht angezogen. Die radikale Variante des Natureinsatzes dagegen würde wertvolle und gewachsene städtische Strukturen durch Abriss (u.a. von zahlreichen Gründerzeithäusern) zerstören. Ich habe einen Weg gesucht, der diese Probleme vermeidet – und dennoch etwas von dem bietet, was man im städtebaulichen Einsatz von Natur sucht.


2. STADT UND NATUR

Mein Vorschlag läuft darauf hinaus, keinen natürlichen Gegensatz zur Urbanität herzustellen, sondern eine neue, aus Stadt und Kultur hervorgehende  artifizielle Natur  in den städtischen Raum zu integrieren.

Wie die Verwendung von  Kunstrasen  im Heimbereich verbindet dieser Vorschlag die Ausnutzung der Vorteile des Natürlichen mit der Vermeidung seiner Nachteile. Ein ästhetischer Erlebnis- und Erholungsraum wird geschaffen und der Stadtteil entsprechend nicht mehr vorwiegend unter dem Aspekt der Wohn- und Gewerbenutzung gesehen. Weiter leerstehende Gebäude müssen nicht abgerissen werden. Sie bleiben als Verweis auf Geschichte, die einstigen Bewohner und deren Lebensstrukturen bestehen, und fungieren zugleich als Träger der neuen künstlichen Natur. Die artifizielle Natur erhält also den städtischen  Erinnerungsraum , statt ihn zu zerstören.

Auch dient die künstliche Natur als  Platzhalter . Entstehen irgendwann wieder, entgegen den gegenwärtigen Prognosen, Bedürfnisse nach Wohn-, Arbeits- und Gewerberaum, kann sie ohne Aufwand wieder entfernt werden.

In der Zwischenzeit jedoch können vor der Kulisse des Urbanen die  verbliebenen Bewohner  sowie  neuartigen Erlebnistouristen  den durch die künstliche Natur transformierten Stadtteil sinnlich erfahren, und zwar als eine neue Art von Landschaft.

Und auch über solche Nutzungserwägungen hinaus übernimmt die künstliche Natur – aufregender und schadloser als es realer Bewuchs je könnte – die Funktion einer  ästhetisierenden Verhüllung  des perforierten Stadtteils, die an die Stelle des zugemauerten Leerstands tritt wie beim Schloss von Dornröschen die Dornenhecke.


3. ARTIFICIAL FLOWERS , No. 1

Verschiedene konkrete Formen einer solchen künstlichen Natur wären noch zu erfinden.

Eine Möglichkeit habe ich ausgearbeitet. Es handelt sich um die Vision eines neuen Werkstoffes.

Der von mir entworfene  N A T U R I E R U N G S S T E I N  besteht aus einem Glasbaustein, in den ein TFT Farbdisplay integriert ist. Auf dem Display sind pflanzliche Prozesse zu sehen, die ich als 3D-Animationen am Computer generiert habe. Ich habe den neuen Werkstoff bisher als Modell in einer 1:1 Simulation des Glasbausteins inklusive der Visualisierungen realisiert.

Außerdem habe ich eine Art Werbeprospekt für den neuen Werkstoff entworfen, der über die vier Designs (Efeu, Geranie, Gras und Magnolie) des Naturierungssteins informiert, die ich konzipiert habe, und auch über mögliche Anwendungen im urbanen Raum.



Urteil der Jury:

Diese Arbeit stellt die Erfindung eines neuen Werkstoffes vor.