Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

Verräumlichung nachbarschaftlichen Verhaltens

Leben vernetzen

Anke ROSCHKA

 
Hochschule für Kunst und Design, HALLE, Burg Giebichenstein
Fachbereich Kunst und Medien


Abstract

Wegnahme der unteren Wohngeschosse und der nicht benötigten Wohnungen, deren Umnutzung und gleichzeitige Schaffung von architektonischen Räumen, die das öffentliche Leben im Quartier fördert.




Schrumpfende Stadt und Verfall öffentlicher Räume

Mit dem Schlagwort "Schrumpfende Stadt" wird im Allgemeinen das Phänomen des Verlustes städtischen Lebens zu Gunsten der Entstehung von Eigenheimen an der Peripherie beschrieben. Sinkende Einwohnerzahlen führen gegenwärtig verstärkt zu einem Verlust öffentlichen Lebens in den urbanen Zentren. Hinzu kommt die fortschreitende Individualisierung und Mediatisierung des menschlichen Lebens. Die Medien haben den öffentlichen Räumen die Möglichkeit des Informationsaustausches weitgehend genommen. Von den berühmten Orten der Öffentlichkeit wie der Agora, dem Thinghain und dem Mittelaltermarkt sind heute nur noch ihrer Funktion enthobene Orte zurückgeblieben. Öffentliches Leben in der Stadt ist, um mit Richard Sennett zu sprechen, Vergangenheit.

Es sind daher Konzepte gefragt, mit denen sich eine Revitalisierung von Straßen und Plätzen, den einstigen Orten der Kommunikation, erreichen lässt. Begreift man die Stadt als Organismus, sind Straßen –wie Adern- zum Transport von lebenswichtigen Stoffen bestimmt. Auch stellen sie eine Art architektonische Vernetzung dar: Sie sind ebenso Energie- und Informationsträger wie das elektronische Netz. Sie können wiederum Ort der Begegnung mit dem Fremden, der heutzutage oftmals der Nachbar ist, sein.

So müsste die Stadt in der Ära der Individualisierung und des Privateigentums persönlicher, gruppenspezifischer sein. Sie könnte aus verschiedenen Knoten (Quartieren), ähnlich einem Informationsnetz bestehen.

Die Bewohner der Stadt von morgen sind selbst die Öffentlichkeit ihres Wohnquartiers. Ihr Verhalten und die Spuren ihres Handelns im Außenraum machen als Teil ihres Lebens die Öffentlichkeit des Viertels aus.

In der heutigen Zeit, in der sich der Mensch fast nur noch über die Arbeit definiert, verliert der Arbeitslose seinen sozialen Status, er ist nicht mehr Teil der Gesellschaft. Da Arbeit, die Menschen erfordert, immer seltener wird, wird sich auch das vorherrschende, gesellschaftlich akzeptierte Lebenskonzept, in dessen Mittelpunkt die Arbeit steht, verändern. Dies wirkt sich notwendigerweise auch auf den räumlichen Zusammenhang menschlichen Lebens aus.

Wenn einerseits die Arbeit in die Wohnungen kommt und andererseits die Arbeitsorientierung in zunehmendem Maße entfällt, konzemtriert sich der Lebensalltag immer mehr auf das Wohnquartier. Die Nachbarschaft kann zum Ort der Ausübung gemeinsamer Interessen und kollektiver Handlungen werden.

"Selbsthilfe und partielle Selbstversorgung werden für einen größer werdenden Teil der städtischen Bevölkerung zur notwendigen Sicherung der Existenz, und zwar unter Beibehaltung der Wohnung und des jeweiligen sozial-räumlichen Zusammenhangs der Nachbarschaft. Aus der Verschlechterung der Arbeitsmöglichkeiten- auch im regionalen Rahmen-, wachsender Teilzeit- und Heimarbeit ergibt sich ein neuer ökonomisch bedingter Faktor der Sesshaftigkeit. Bei aller Außenorientierung über die Medien verändert die existentielle Orientierung die lokalen Beziehungen zur unmittelbar sozialen und baulichen Umgebung, zur Nachbarschaft und zum Quartier." [Kirschenmann, Jörg C.: "Arbeiten und Wohnen als Bereich neuer sozialer Erfahrung" in: Wohnungsbau und öffentlicher Raum, Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, 1984, S. 30]

Hallo Nachbar!

Um die Fragmentierung der Stadt zu verdeutlichen, sollte jede nicht bewohnte und nicht wieder vermietbare Wohnung aus dem entsprechenden Wohnhaus herausgenommen und die nunmehr disponible Fläche sowie das Baumaterial umgenutzt werden. Freigewordene Orte sollen in erster Linie als Verbindungsknoten dienen. Offene Treppen und Brücken bzw. Glasgänge verbinden über diese Knoten ein Haus mit dem anderen bzw. ein Quartier mit dem anderen. So erschließen sich auch die Obergeschosse durch direkte Zugänglichkeit. Teile der im Quartier praktizierten Lebensart werden nach außen öffentlich.

Die mit Treppen und Brücken geschaffenen Wege führen zu Räumen, die einen starken Kontrast zu der im Viertel vorherrschenden Architektur bilden. Sie sind das Schmuckstück des Quartiers und in dieses eingebettet wie Organe in einen Organismus. Diese Räume sind offen für alle denkbaren Verwendungen; der Charakter des öffentlichen Lebens soll sich in ihnen auf unterschiedliche Weise und relativ unabhängig von bestimmten städtebaulichen Anordnungen herausbilden. Lassen sich am Quartier soziale Eigenarten festmachen, die bestimmte übereinstimmende Interessen der Bewohner widerspiegeln, zum Beispiel das gemeinsame Kochen, können diese hier gelebt werden. Autowerkstätten, Tauschbörsen und Programmkino sind ebenso Varianten der Nutzung.

Da die untersten Wohnungen am unattraktivsten und die Straßenzüge eng sind, sollten die unteren Geschosse ebenso entfernt und die Häuser auf einen Rest an baulichem Material gestellt werden, der den statischen Anforderungen genügt. So entsteht eine Fülle an Wegen und teilweise geschützten Plätzen, die eine größtmögliche Bewegungs- und Aktionsfreiheit gewährleisten.

Kommt es zu gemeinsamen nachbarschaftlichen Handlungen, entsteht mit ihnen die Möglichkeit, den individuellen Charakter des Wohnens im Viertel zum Ausdruck zu bringen und nach außen zu kommunizieren.



Urteil der Jury:

Hervorzuheben ist bei dieser Arbeit, dass der gegenwärtige Zustand eines durchlöcherten Stadtviertels positiv bewertet wird.