Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Musterwohnung

Torsten LANGE

 
Bauhaus-Universität, WEIMAR
Fachbereich Städtebau


Abstract

Das Projekt untersucht einen Prozess, der geprägt ist durch den Bedeutungsverlust bestimmter städtischer Strukturen bei wachsender Etablierung von nicht physischen Infrastrukturen (mobile Kommunikation, wireless nets...). Es wird versucht, Organisationsmuster dieser Infrastrukturen auf den Raum zu übertragen. Dabei stellen sich neue Fragen im Bezug auf Grenzen und räumlich funktionale wie auch soziale Vernetzungen in städtischen Umgebungen.

An einem brachliegenden Ort im Spannungsfeld zwischen drei bereits existierenden Sendemasten wird ein kontinuierliches Flussfeld aus städtischen Funktionsbereichen wie Bildung und Kultur, Freizeit und Erholung, Arbeiten und Wohnen aus der Überlagerung vierer Wellenfelder generiert. Dieses Flussfeld definiert neue Organisations- /Funktionsmuster für den Raum, der von nun an durch Dichte, Überlagerung und Variabilität geprägt ist.

Die Überschneidungen innerhalb dieses Feldes definieren Schnittstellen zwischen bislang voneinander separierten städtischen Funktionen sowie Akteuren im urbanen Gefüge. Musterwohnung//: ist so wenig privat wie sie ausschließlich öffentlich wäre. So wie sich der Wohnbereich in den Stadtraum ausdehnt, dringt das Urbane in die privaten Bereiche vor (Stichwort: Internet = urban an jedem beliebigen Ort).

Musterwohnung//: ist ein neuer städtischer Typus geprägt durch die Möglichkeit zu Kommunikation und Interaktion im Innern wie nach Außen. An einem Ort, der ein hohes geschichtliches Potenzial im Hinblick auf die Entwicklung der Stadt durch moderne Infrastruktursysteme vorweist (um die Jahrhundertwende verfügte der Leipziger Osten über die damals modernste Infrastruktur), der allerdings unter dem anhaltenden Strukturwandel umso stärker zu leiden hat, kann Musterwohnung//: als Mechanismus für den Umbau dienen.




"Der gegenwärtige Moment ist bereits derjenige der Selbstzerstörung des städtischen Milieus. Die Zersplitterung der Städte auf das Land, das durch ’formlose Massen städtischer Überbleibsel’ (Lewis Mumford) überwachsen wird, wird unmittelbar von den Erfordernissen des Konsums geleitet. (...). Aber die technische Organisation des Konsums steht lediglich im Vordergrund der allgemeinen Auflösung, die die Stadt auf diese Weise dahin gebracht hat, dass sie sich selbst konsumiert." [Guy Debord: "Die Gesellschaft des Spektakels"]

Das Projekt beruht auf der Auseinandersetzung mit einem Prozess, der durch die Gleichzeitigkeit von Bedeutungsverlust städtischer Strukturen und der Etablierung drahtloser Infrastrukturnetze geprägt ist. Vor diesem Hintergrund werfen die Veränderungen sozialer Handlungsmechanismen, vor allem im Bezug auf Wohnen und Arbeiten in der Stadt, neue Fragen auf.

Wie kann die Stadt, traditionell ein Knotenpunkt im Austausch von Gütern, auf den heute kontinuierlichen Fluss von Informationen und Waren reagieren? Welche Modifikation ist notwendig, um die Stadt als Ort des Zusammenlebens und -arbeitens verschiedener sozialer Gruppen und damit in engem Zusammenhang stehend als Ort kollektiven Bewusstseins zu erhalten? Wie kann eine solche Modifikation aussehen? Wie kann sie vonstatten gehen, wie muss sie organisiert werden?

Grundlage des Lösungsvorschlags ist die Analyse zweier Modelle aus dem Bereich drahtloser Netzwerke, welche gleichermaßen auf Mobilität wie auch auf einem spezifischen Ortsbezug beruhen. Beide Modelle verkörpern immaterielle Räume im Gefüge der existierenden urbanen Umgebung, sind jedoch nicht mit dieser verwoben und bilden daher eine zweite Ebene über der Stadt. Obgleich sie die Ebene der Stadt stetig beeinflussen, sind sie nur marginal räumlich präsent: Zum einen ist die Rede von der Homezone des Mobilfunkanbieters O2, die es dem Nutzer erlaubt, zu gewissen Konditionen (Festnetztarif) innerhalb eines gewissen Bereichs mobile Dienste zu nutzen und zum anderen von sogenannten Wireless Intranets, welche hauptsächlich innerhalb großer Unternehmenskomplexe Anwendung finden.

Der Vorschlag sieht die Einrichtung einer Zone im Bearbeitungsgebiet vor, die es den sich vor Ort Aufhaltenden ermöglicht, zu besonders vorteilhaften Bedingungen Zugang zu einem gemeinsamen drahtlosen Informations- und Kommunikationsnetz zu erhalten und dieses Netz an jedem Ort innerhalb dieser Zone nutzen zu können.

Bei der besagten Zone mit all ihren brachliegenden physischen Elementen (Gebäude, Strassen,...) handelt es sich um eine gemeinschaftlich genutzte Umgebung, die keinerlei privaten Besitzansprüchen unterworfen ist.

Die inzwischen wie ein Icon verinnerlichte Gestalt der Desktop-Oberfläche dient als modellhafte Grundstruktur zur Gliederung des Gebiets in einzelne Informationsbereiche. Spezifische Daten, die in Ordnern thematisch zusammenfassbar sind, werden per GPS an spezifische Orte innerhalb dieses Distrikts gekoppelt. Das vorgeschlagene System basiert, ähnlich einem Betriebssystem, auf einer vorgegebenen Konfiguration, die sich auf ungenutzte Kernbereiche des Gebiets bezieht. Diese standardisierte Grundstruktur ist jedoch nach den individuellen Bedürfnissen der Akteure erweiterbar, wodurch eine Mehrfachcodierung einzelner Orte durch deren unterschiedliche temporäre Nutzung erfolgt. Die individuelle Bedeutung des jeweiligen Aufenthaltsortes generiert sich in Abhängigkeit von dessen Gebrauch, der Aufenthaltsdauer und den dort abgelegten Informationen. Dadurch erfolgt eine Ausdehnung des privaten Raums in einen neuen Typus öffentlicher Umgebung, innerhalb derer ein Arbeiten in Bewegung möglich wird.

Indem sich die Grenze zwischen Arbeitswelt und Freizeitwelt weitgehend auflöst, werden tradierte Arbeitsmechanismen in Frage gestellt.

Die dabei entstehenden Überschneidungen entlang der Bewegungslinien der Agierenden innerhalb des Gebietes provozieren neue Begegnungen.

Die initiierte Nutzung des Viertels und seiner baulichen Strukturen ruft eine ungewohnte Raumwahrnehmung hervor.

In mehreren Schritten vollzieht sich die Wandlung des Gebiets von einem Stadtraum in Agonie hin zu einem mediatisierten städtischen Environment.

Der Prozess der baulichen Veränderung des Viertels wird eingeleitet durch das Abnehmen der Fassaden an ungenutzten Gebäuden. Somit öffnen sich vormals private Wohnbereiche und gründerzeitliche Innenhöfe. Ein komplexes Wegesystem, das existierende und eingefügte Erschließungsstrukturen sowohl innerhalb als auch zwischen den verbleibenden architektonischen Fragmenten umfasst, ermöglicht ein Navigieren in horizontaler wie vertikaler Richtung. Vergleichbar mit den verschiedenen Desktop-Icons fügen sich thematisch gegliederte Bereiche unterschiedlicher architektonischer Struktur zu komplexen Ereignisfeldern. Sie gewinnen einen hohen Wiedererkennungswert beispielsweise durch generierte Naturräume oder intensive sinnliche Eindrücke wie Licht, Farbe, Geruch oder Klang.

Weil das Wesen der geschilderten symbiotischen Neukombination von medialen und räumlichen Elementen ein Experiment darstellt, müssen auf diesem Testfeld auch neue Mechanismen sozialer Interaktion zwischen den Akteuren erprobt werden. Sich weiterentwickelnde Formen von Gemeinschaften rücken als Ergebnis dieses Prozesses ins Bildfeld: In einer Laborsituation, unter Bedingungen, die von vornherein Austausch und Begegnung fördern, versammelt sich eine Bewohner-/ Nutzerschaft, in der Mitglieder verschiedenartigster sozialer Herkunft verbunden sind. Die Qualität des geschaffenen Environments in Bezug auf Kommunikation im Inneren und nach Aussen formt aus den Handelnden eine Interessengemeinschaft. Das Gebiet steht jedermann zur Nutzung offen, allerdings entscheidet die Verlegung des Arbeits- oder Wohnsitzes in die Zone letztlich über die Bereitstellung des gemeinschaftlichen Informations- und Kommunikationsnetzes zu besonderen Zugangskonditionen sowie die Teilhabe an den Vorteilen einer Interessengemeinschaft.

Jeder der Akteure erhält bei Zuzug die notwendige technische Ausrüstung und ein standardisiertes, jedoch individuell erweiterbares Benutzerprofil.

Dank der Durchdringung der neugeschaffenen Struktur mit dem klassischen Stadtraum und dessen Elementen und Funktionen sowie der existierenden und neu geschaffenen privaten Wohnbereichen entsteht ein vielschichtiges urbanes Gefüge, das auf die sich gegenwärtig vollziehende Erweiterung des Raumbegriffs reagiert.

Der Titel meiner Arbeit ‚Musterwohnung für die sterbende Stadt’ bezieht sich daher auf den prototypischen Charakter des Projekts. Die Moderne der 20er Jahre nutzte Versuchshäuser und Mustersiedlungen dazu, um sozialen Utopien einen architektonischen und räumlichen Ausdruck zu verleihen. Die Musterhaussiedlungen an den wuchernden städtischen Peripherien der Gegenwart sind der Ausdruck eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels, der maßgeblich durch die zweckgebundene Ökonomie des Autos herbeigeführt wurde. Vor diesem Hintergrund stellt die Musterwohnung für die sterbende Stadt ein soziales und architektonisches Modell dar, welches die Neubestimmung von Grenzen im Zuge der Mediatisierung unserer Umwelt durch ein Verweben von öffentlich und privat herausfordert. Der Wohnbereich dehnt sich in neuartiger Weise in den städtischen Raum aus. Auf diese Weise wird ein Viertel zur Wohnung, zu einer Musterwohnung für die sterbende Stadt.



Urteil der Jury:

In diesem Projekt wird die Überlagerung von virtuellen und urbanen Räumen versucht.