Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Motoren für die Stadt

Holger MEIER, Aimo TREPTE, Ramona SONNTAG,
Claudia POLLACK, Martin RAMMER

 
Hochschule für Technik und Wirtschaft, DRESDEN, [HTWD]
Fachgebiet Städtebau und städtebauliches Entwerfen
Fachgebiet Freiraumplanung


Abstract

Beim Projekt "Motoren für die Stadt" stehen die Menschen des Leipziger Ostens, speziell aus Volkmarsdorf im Vordergrund. Beim prozesshaften Annähern an das Modellgebiet auf verschiedenen Ebenen erhielten wir Einblick in die Wünsche der Bewohner und in die Arbeit der Aktiven verschiedener Vereine des Leipziger Ostens. Das Projekt soll im wesentlichen ein positives Bild der Zukunft dieses Stadtteils und deren Bewohner zeichnen. Es werden vorhandene Potenziale gesucht und daran angeknüpft. Aus den Erfahrungen vor Ort entstand die Idee der Bündelung von Projekten und Aktionen in einer "Schnittstelle". Diese Schnittstelle wurde modellhaft in Volkmarsdorf mit einer mobilen Box umgesetzt. Der Bewohner soll in sogenannten Beteiligungsprojekten Einfluss auf seinen Stadtteil nehmen können. Als Antrieb dienen "Motoren", das sind zum einen engagierte Einzelpersonen und ein Gegenwert für gemeinnützige Arbeit, der "Vomado".




_Annäherung

Annäherung
Die Annäherung ans Projektgebiet geschah auf mehreren Ebenen. Wir suchten den Kontakt mit den Bürgern auf der Strasse und luden sie zu einem Interview ein. Daraus entstand der Film "14 mal Volkmarsdorf". Später trafen wir uns mit Vertretern einiger Vereine, welche sich vor Ort engagieren, um deren Arbeitsweise zu erforschen und Wünsche für die Zukunft zu erfahren. Bei der Vorführung des Filmes im ICE waren überwiegend Interviewpartner anwesend. Anschließend folgte eine Diskussion. Als weitere Ebene sollte uns eine mobile Einheit dienen, welche wir mit einer orangefarbenen Box praktisch umgesetzt haben. Sie sollte unabhängig von bestehenden Strukturen sein. Sie soll möglichst vielen begegnen und Neugier wecken.


_Stimmung

Ausgehend von den Erfahrungen vor Ort, dem Interview und den Diskussionen konnten wir eine Grundstimmung wahrnehmen. Was die Bürger anbelangt, so lässt sich feststellen, dass soziale Nähe vermisst wird. Eine kommunikative Nachbarschaft, welche früher selbstverständlich war, ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Man wünscht sich mehr Sauberkeit und eine stärkere Beteiligung an Entscheidungen im Quartier. Die aktiven Vereine stellen sich eine bessere Zusammenarbeit vor. Eine bessere Abstimmung von Verwaltung, Politik und Vereinen sehen wir als wesentlich an. Obwohl es viele positive Tendenzen im Gebiet gibt, wird der Osten, meist von außen schlecht geredet.


_Ansätze

Bei näherer Betrachtung kommen wir zum Schluss, dass wir es im Modellgebiet eher mit sozialen als mit räumlichen Problemen zu tun haben. Als Kern sehen wir die Schwierigkeit Bürgernähe zu erreichen. Während von Seiten der Vereine viel initiiert wird, fehlt auf der Seite der Bewohner die entsprechende Anteilnahme. Weiterhin ist "Nicht – Wachstum" bzw. "Schrumpfung" im Sprachgebrauch im allgemeinen negativ belegt. Wir finden aber, das wirtschaftliches Wachstum nicht alleiniger Maßstab sein kann. Für die Potenziale von Brachen und Freiraum fehlt das Bewusstsein für neue Nutzungen.


_Schnittstelle

Als Schlussfolgerung sehen wir die Errichtung einer neutralen Schnittstelle, welche für jedermann verfügbar und verständlich ist. Sie ist ein Ort der Informationsannahme, Koordination und Wiedergabe. Sie ist im Stadtteil bekannt und zeichnet sich durch eine flexible Organisationsstruktur aus. Sie könnte eine Art Entwicklungsgesellschaft darstellen, welche gewünschte Veränderungen im Stadtteil mit fähigen Leuten aus dem Gebiet umsetzt. Die Box sehen wir dabei als Probe der Schnittstelle. Sie soll Informationen bündeln und weitergeben. Durch die Vergabe von Patenschaften werden interessierte Bürger selber aktiv und übernehmen Verantwortung.


_Eigene Werte schaffen

Allgemeines Ziel soll sein, eigene Werte im Gebiet zu schaffen. Eigene Werte, so denken wir könnte eigenes Geld sein. Ein Wertekreislauf in der Gemeinschaft ist Anreiz für Geben und Nehmen von Waren, Gegenständen, Wissen, Dienstleistungen und fördert Eigeninitiativen. Dieser Wert soll kein Gegengeld zur regulären Währung darstellen, sondern vielmehr eine Ergänzung zum normalen Geld sein. Ziel des Wertes ist es Projekte zu realisieren für die sonst kein Geldgeber zu finden ist und Beziehungen zwischen Menschen einer Gemeinschaft wieder zu beleben.


_Vomado

Dieses Praxisbeispiel soll den neuen ergänzenden Vomado- Kreislauf näher erklären: Die Tochter ist schlecht in Mathe und bekommt Nachhilfe von dem arbeitslosen Lehrer, der somit neben seinem Arbeitslosengeld(Euro) auch noch Vomados verdient. Mit diesen Vomados kann er dann z. B. einen Computerkurs besuchen, der von einem arbeitslosen Produktionsleiter durchgeführt wird. Der Computerlehrer erhält also neben seinem Arbeitslosengeld(Euro) auch noch Vomados. Alle Bewohner in Volkmarsdorf können mit ihren Vomados beim Fleischer in Volkmarsdorf anteilig (max. 10%) bezahlen. Auch die ältere Frau, die ihre Vomados dadurch bekommt, weil sie 2 mal in der Woche auf ein kleines Kind aufpasst.


_Beteiligungsprojekt

Im folgenden soll ein mögliches Projekt mit Bürgerbeteiligung beschrieben werden. Anwohner haben den Wunsch nach der Errichtung eines großen Mehrzweckraumes der vorwiegend für private Veranstaltungen aller Art nutzbar sein soll. Mit Hilfe der Schnittstelle werden alle möglichen Bürger mit den notwendigen Fähigkeiten im Gebiet gesucht. Gemeinsam entwickeln sie die Idee sowie die Umsetzung zum Abreißen eines verfallenen Altbaus und die Errichtung eines Neubaus an gleicher Stelle. Das Material, was sie aus dem Abriss gewinnen, integrieren sie in den Neubau. Somit wird ein Ort geschaffen, der in Eigeninitiative entsteht und später von den Akteuren selbst verwaltet wird. Durch eine frühzeitige Beteiligung der Nutzer kann eine Identifikation mit dem Bau stattfinden.


_Verselbstständigung

Das Sichtbarmachen von Aktion wollen wir mit der Erzeugung von Bewegung erreichen. Wenn die Box sich bewegt, bewegt sich etwas im Gebiet und letztlich auch in den Beobachtern. Durch die Aktion werden Reaktionen hervorgerufen. Mittlerweile ist die Box Bestandteil des Gebietes geworden. Sie setzt klare Zeichen und verändert Orte. Sie kündigt Aktionen an. Der Bürgertreff war von der Idee überzeugt und wird sich der Box in Zukunft annehmen und sie zur Verbreitung von Informationen nutzen und entsprechende Orte suchen wo die Box wichtig sein könnte.



Urteil der Jury:

Die Box als Kommunikationsinstrument befördert die Darstellung des eigenen Wertes des Viertels.