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Antje DERKSEN, Lisette GNEUSS, Marcus KÖPPLER

 
Hochschule für Technik und Wirtschaft, DRESDEN, [HTWD]
Fachgebiet Städtebau und städtebauliches Entwerfen
Fachgebiet Freiraumplanung


Abstract

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Reduzierung von Wohnraum als Antwort auf die demographische Entwicklung. Dies geschieht durch Abriss, Dezimierung der Geschosszahlen und die Umstrukturierung bestehender Wohnformen.

Gleichzeitig erfolgt eine Aufwertung und Vernetzung der vorhandenen und entstehenden Freiräume. Die Flächen sollen weitgehend mit einfachen Mitteln gestaltet werden und ökologische Funktionen, wie z.B. Regenwasserretention, übernehmen. Außerdem sollen sie der Bevölkerung als Aktions- und Erholungsraum dienen.

Die Planungsidee umfasst weiterhin die Minimierung der Verkehrsbelastung der Eisenbahnstraße durch die Umleitung des Durchgangsverkehres auf eine Umgehungsstraße entlang der Bahnanlage.




Leitbild/Einführung

Ziel dieser Arbeit ist es Ansatzpunkte zu entwickeln, um die Bevölkerung an den Stadtteil zu binden. Dabei soll keine spezielle Zielgruppe angesprochen werden.

Grundgedanken bei der Bearbeitung sind die Dezimierung des Wohnraumes, das Angebot individueller Wohnformen, die Minimierung der Verkehrsbelastung und die Optimierung der Grünversorgung.
Dieses Konzept erhebt nicht den Anspruch eine absolute Lösung für den Stadtteil zu bieten, sondern soll Impulse schaffen.


Ansatz

Unsere Gruppe hat an den Anfang der Betrachtungen eine Analyse der vorhandenen Strukturen gestellt. Dabei haben wir uns auf die drei Kategorien Bebauung, Freiräume und Verkehr konzentriert.
Bei der Bebauung haben wir den Schwerpunkt auf die Struktur gelegt, bei den Freiräumen auf gestaltete Grün- und Freiflächen, Kleingartenanlangen und derzeitige Brachflächen und beim Verkehr betrachteten wir neben Hauptverkehrs- und Nebenstraßen noch die Strecken des ÖPNV [Öffentlicher Personen Nah-Verkehr] und die Bahnanlagen.
Wie man aus den einzelnen Strukturplänen ablesen kann, ist der Leipziger Osten verkehrstechnisch gut erschlossen und verfügt unserer Meinung nach über genügend Freiflächenpotenzial. Bei der Bebauungsstruktur erkennt man die Heterogenität zwischen dem nördlichen und südlichen Bereich.
Dies allein ergibt keine Erklärung für den enormen Wohnungsleerstand, bietet aber eine Ansatzmöglichkeit zur Umstrukturierung.
Diese Analyse stellte die Grundlage für die Erarbeitung drei verschiedener Szenarien dar.

In allen drei Szenarien versuchen wir das Wohnraumangebot zu dezimieren, was wir auf Grund der demographischen Entwicklung für unbedingt notwendig halten. Weiterhin enthalten alle Ansätze das Ziel den Leipziger Osten als Wohn- und Gewerbestandort attraktiver zu gestalten. Wir sind uns bewusst, dass man uns in diesem Punkt vorwerfen kann wieder eine "Heilen Welt" zu produzieren, halten es aber trotzdem für notwendig, um die vorhandene Bevölkerung vor Ort zu halten.
Bei der Erarbeitung der verschiedenen Konzepte haben wir uns auf einen kleineren Ausschnitt konzentriert.

Das  Szenario I  haben wir aus der Umgestaltung der Verkehrsstruktur heraus entwickelt. Der Schwerpunkt liegt in der Schließung der Eisenbahnstraße für den allgemeinen Durchgangsverkehr. Dieser soll auf eine neue Umgehungsstraße entlang der Bahnanlagen geführt werden, was durch den Umbau des Straßenquerschnittes der Eisenbahnstraße erreicht werden soll. So wird sie für den Durchgangsverkehr unattraktiv. In diesem Zusammenhang werden neue Parkmöglichkeiten an Schlüsselstellen geschaffen.
Ziel ist es, die Gewerbe- und Wohnnutzung entlang dieser Hauptachse zu stärken.
Auch die Hermann-Liebmann-Str. soll beruhigt werden, um das Wohnen an dieser Stelle angenehmer zu gestalten. Der ÖPNV soll trotzdem weiter auf beiden Straßen verkehren.
Die Bebauungsstruktur soll in dieser Variante an einigen Stellen verdichtet werden und an anderen Stellen komplett großen zusammenhängenden Grün- und Freiflächen weichen. So haben wir im nördlichen Bereich entlang des Bahngeländes ein grünes Rückgrat vorgesehen. Weiterhin sollen als Reflektion zu diesem Grünzug vorhandene Grünanlagen erhalten und großzügig verbunden werden.
Mit diesem Vorschlag reagieren wir auf das Argument, dass der Leipziger Osten nicht so beliebt ist, da er keinen direkten Anschluss an große naturnah gestaltete Bereiche aufweist.

Im  Szenario II  haben wir die Umstrukturierung des Stadtteils aus Sicht der Freiräume begonnen. Die Schaffung neuer Freiflächen dient zur Versorgung mit öffentlichem, halböffentlichem und privatem Grün genauso wie zur Wohnraumdezimierung. Die Freiflächen sind in diesem Konzept eher als Trittsteine und verbindendes Element zwischen der Bebauung zu verstehen. Neue Platzsituationen an der Eisenbahnstraße sollen die Aufenthaltqualität erhöhen.
Die Wohnnutzung an den Hauptverkehrsstraßen soll größtenteils durch gewerbliche Nutzung abgelöst werden.
Die Homogenität in der Gründerzeitbebauung soll aufgebrochen werden. Auf der nördlichen Brachfläche angrenzend an das Bahngelände sollen Einfamilien- und kleine Mehrfamilienhäuser entstehen. Damit wollen wir dem Wunsch nach solchen Wohnformen gerecht werden, der ja zweifelsfrei besteht.

Im  Szenario III  war die Bebauungsstruktur der Ausgangspunkt der Konzeption. Wir entwickelten einzelne Bebauungskerne und reduzierten vorrangig nördlich der Eisenbahnstr. die Geschosszahlen. An der Eisenbahnstr. soll eine Konzentration von Kleingewerbe und Einzelhandel stattfinden. Wiederum war die Anordnung von Einfamilien- und kleinen Mehrfamilienhäusern ein Schwerpunkt der Variante. Diesmal allerdings in einem zentraleren Bereich, z.B. auf dem Gelände des ehem. Freizeitparks.
Aus dieser Anordnung der Bebauung ergibt sich ein lineares Verbundsystem aus Grünflächen. Auch in diesem Konzept sehen wir die Verkehrsberuhigung einiger Straßen vor.
Ein weiterer Schwerpunkt dieses Szenarios ist die Durchwegung des Stadtteils durch Blockinnenbereiche. In diesem Zusammenhang wurde der ehemalige Verlauf der Rietschke wieder aufgegriffen. Dies soll durch Installationen, stellenweise Offenlegung und Neuinterpretationen geschehen.


Konzept

Aus Bestandteilen aller drei Szenarien setzt sich die  Vorzugsvariante  zusammen. Grundsatz der Planung ist die Reduzierung von Wohnraum durch Abriss, Geschosszahlreduzierung und Umstrukturierung bestehender Wohnformen. Weiterhin wird die Aufwertung und Vernetzung vorhandener und entstehender Freiräume angestrebt. Bei der Gestaltung sind möglichst einfache und kostengünstige Varianten vorgesehen.
Die Idee der Verkehrsberuhigung der Eisenbahnstraße durch den Bau einer Umgehungsstraße wird aufgegriffen. Westlich der Hermann-Liebmann-Straße ist der Standort von kleinen Mehr- und Einfamilienhäusern geplant.

Bei der detaillierteren Umsetzung des Konzeptes auf das Bearbeitungsgebiet ergeben sich verschiedene Entwurfsschwerpunkte.

Auf der  Brachfläche  entlang der Bahnanlage sehen wir eine öffentliche Grünfläche vor, die überwiegend von Sukzession und Wiesen geprägt ist. Die Kombination von Flächen mit Gehölzaufwuchs und gehölzfreien Flächen bieten viele Möglichkeiten der Aneignung. Es werden nur Hauptwege angelegt. Die befestigte Fläche bleibt frei von einer exakten Funktionszuweisung. Als Identifikations- und Aussichtspunkt dient ein Hügel aus Abrissmaterial.

Im Gründerzeitviertel erfolgt der Abriss eines gesamten Blockes. Auf dieser Fläche wird eine  Obstwiese  geschaffen, auf der nach Bedarf Gärten angelegt werden sollen. Diese Gärten können je nach Nachfrage errichtet oder wieder zurückgebaut werden. Dazu müssen einheitliche Regeln für Größe, Ausstattung und Art der Nutzung aufgestellt werden.

Im Bereich zwischen Eisenbahnstraße und derzeitiger Brachfläche ist eine stufenartige  Reduzierung der Geschosszahlen  geplant. Der Rückbau erfolgt maximal bis auf 3 Geschosse. Beabsichtigt wird damit die weitere Dezimierung des Wohnraumangebotes und die Verbesserung der Lichtverhältnisse in den Innenhöfen und Straßenräumen.

Der Querschnitt der  Eisenbahnstraße  soll nach dem Bau der Umgehungsstraße fußgänger- und radfahrerfreundlicher umgestaltet werden. Eine Begrünung des Straßenraumes ist vorgesehen. Entlang der Eisenbahnstraße sind verschiedenartige Platzsituationen vorgesehen. Im Bereich des Bearbeitungsausschnittes sehen wir an dem Platz den Bau eines eingeschossigen Gebäudes, vorrangig zur gastronomischen Nutzung vor.

Die  Innenhofgestaltung  ist ein wesentlicher Punkt unseres Konzeptes. Vorgesehen sind drei Kategorien von Bereichen: Flächen für blockgemeinschaftliche Nutzung, Flächen für hausgemeinschaftliche Nutzung und private Flächen. Diese Nutzungsformen sind nach dem Bausteinprinzip in unterschiedlicher Art und Weise angeordnet. Diese Anordnung ist nicht innenhofspezifisch vorgeschrieben. Abhängig von der Größe der Innenhöfe sind private Flächen vorhanden.

Für den Bereich zwischen Hermann-Liebmann-Straße und Wurzener Straße haben wir 2 Varianten entwickelt. Dieses Gebiet stellt in unserem Konzept einen wichtigen Verbindungspunkt innerhalb der Grünvernetzung in dem Stadtteil dar. Wir sehen den Abriss einiger Gebäude vor, um dieser Funktion gerecht zu werden.
Das Gebäude an der Juliusstraße soll zu einer  "multiplen Platte"  umgebaut werden. Die jetzigen Wohnungsgrundrisse werden aufgelöst und das Gebäude auf 3 Geschosse abgetragen. Individuelle horizontale oder vertikale Wohnungs-vergrößerungen werden ermöglicht. Den Mietern werden private Flächen zu ebener Erde, auf dem Dach oder auf einem vor dem Haus befindlichen  Damm  angeboten. Die Flächen auf dem Damm können über Steganlagen direkt aus dem Haus begangen werden.
Der Damm wird aus dem Abbruchmaterial der ehemaligen Nachbargebäude aufgeschüttet und dient gleichzeitig als Grenze zum öffentlichen Grün.

In der  Variante 1  schließt sich eine Wiesenlandschaft mit vereinzelten Bäumen und ein Platz an den Damm an. Das Gelände steigt zur Wurzener Straße leicht an und wird durch eine Mauer abgefangen. Südlich des Dammes haben wir das  Retentionsband  vorgesehen. Es besteht aus verschiedenartigen Becken und soll aus dem Regenwasserabfluss der Umgebung gespeist werden. Zwei Pflanzenbecken übernehmen die Reinigungsfunktion; zur Speicherung dienen ein Rasenbecken und ein vollbefestigtes Becken. In trocknen Phasen können die Becken unterschiedlich genutzt werden. Zum Beispiel zum Entspannen, Skaten oder im Winter zum Schlittschuhlaufen.

Als  Variante 2  sehen wir auf dieser Fläche einen Stadtwald mit integrierten Aktionsflächen vor. Diese Flächen werden durch Mauern abgeschirmt und sind verschiedenartig nutzbar. Denkbar wäre die Nutzung beispielsweise als Streetball-Platz oder Theater.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Wurzener Straße wird die vorhandene Häuserzeile abgerissen. An dieser Stelle werden riesige  Gabionen  [eine Art Gitterkörbe] gefüllt mit dem Gebäudeschutt aufgestellt. Als Erinnerung an die Gebäude sollen die ehemaligen Hausnummern angebracht werden. Die dahinter befindliche Fläche wird in Abhängigkeit der jeweiligen Variante als Wiesenlandschaft oder Stadtwald gestaltet.

Der ehemalige  Rietzschke-Verlauf  wird in unserem Konzept thematisiert. In drei Abschnitten wird dem "Gewässer" ein unterschiedlicher Charakter zugewiesen. Unterhalb der Hermann-Liebmann-Straße wird die Rietzschke durch Installationen in das Bewusstsein der Bevölkerung geholt. Im Bereich des neuen Stadtplatzes geschieht dies durch eine Rinne mit geringer Wasserführung. In der Wiesenlandschaft bzw. im Stadtwald wird ein naturnah gestalteter Bach angelegt. Dieser trennt die öffentliche Grünfläche von dem halböffentlichen Raum.


Zeithorizonte

kurzfristig:

mittelfristig:

langfristig:

sukzessive, nicht eindeutig zuzuordnen:



Urteil der Jury:

Eine positive Erwähnung findet bei diesem Projekt das Gesamtkonzept des Freiraumes.