Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

 

konzept_a

Christian BOCKSTALLER, Katja GAHNO, Nadine KRENGEL, Sebastian ROST, Stefan RICHTER

 
Hochschule für Technik und Wirtschaft, DRESDEN, [HTWD]
Fachgebiet Städtebau und städtebauliches Entwerfen
Fachgebiet Freiraumplanung


Abstract

Unsere Gruppe hat sich dem Stadtteil und dem Problem von Schrumpfung und Entvölkerung über eine umfassende Analyse auf regionaler, städtischer und stadtteilbezogener Ebene genähert.

Hierauf aufbauend wurden Forderungen an die weitere Planung formuliert. Auf Grundlage der Analyseergebnisse und mit Hilfe von abstrahierten Werkzeugen setzten wir unser Leitbild im Konzept um.

Weniger bauliche Dichte ermöglicht es, den Mangel an nutzbaren Freiflächen im Quartier auszugleichen und neu entstehende Grünräume in das gesamtstädtische Grünverbundsystem einzubinden.

Auf diese Weise versuchen wir, Volkmarsdorf als Wohnstandort zu stärken und somit auch wirtschaftliche und soziale Einrichtungen im Gebiet zu sichern.





Vorgehensweise

Als eine der ersten Städte stellt sich die Stadt Leipzig dem Problem von Schrumpfung und Entvölkerung in ehemals dicht bewohnten Stadtquartieren. Im Rahmen des Wettbewerbes Perforierte Stadt –40 +10 haben wir uns diesem Problem und dem Stadtteil über eine umfassende Analyse auf regionaler, städtischer und stadtteilbezogener Ebene genähert.
Neben wertneutralen Quellen wie Statistiken, Karten oder Gewerbeverzeichnissen werden soweit verfügbar auch Ergebnisse von Anwohnerbefragungen einbezogen. Die Untersuchungen zu den drei Kategorien Bebauungs-, Freiraum-, und Infrastruktur münden in eine Zusammenstellung der Potentiale und Konflikte. Hierauf aufbauend werden Forderungen an die weitere Planung formuliert. Abstrahierte Werkzeuge geben Hilfestellung bei deren Umsetzung.
Parallel dazu haben wir vorhandene Planungen aufgearbeitet und erachten den "Konzeptionellen Stadtteilplan" im baulich-freiraumplanerischen Bereich und das Programm "Die Soziale Stadt" als für die sozialen Belange tragfähigsten bestehenden Ansätze.


Leitbild

Unser Þ Leitbild haben wir in einem exemplarischen Plan gemäß den drei Kategorien Bebauungs-, Freiraum-, und Infrastruktur räumlich verortet.


Konzept

Im Þ Konzept versuchen wir, unser Leitbild auf Grundlage der Analyseergebnisse umzusetzen.
Die prägende gründerzeitliche Rasterbebauung gilt es in ihrer Grundstruktur zu erhalten. Aktive Bereiche wie die Eisenbahnstraße, die sich durch Ansammlung von Gewerbe, prägende Platzsituationen oder wichtige Raumkanten definieren, werden durch bauliche Ergänzung von Lücken gestärkt. Demographische und ökonomische Gründe erfordern eine Anpassung des Gebäudebestandes an den Bedarf. Dabei bedingt die quantitative –40 im Arbeitstitel zu einem Plus an Qualität im Quartier. Abriss erfolgt vornehmlich am Stadtrand (Wurzener Straße) oder zeilen- bzw. blockweise im Bestand, um die Stadtstruktur und wichtige Raumkanten zu erhalten. Blocköffnungen- und Zusammenlegungen sind nur abseits von Hauptverkehrsstraßen möglich, z.B. an der Ludwigstraße. Die Plattenbauten erhalten wie auch die Gründerzeithäuser eine Fassadenstrukturierung durch Balkone und Wintergärten. Auf lange Sicht ist ein Umbau zu Reihenhäusern mit privaten Gärten vorgesehen. Vielfältige Grundrisse und die preisliche Ausgestaltung der Wohnungen verhindern eine soziale oder altersmäßige Entmischung des Quartiers.
Weniger bauliche Dichte ermöglicht es, den Mangel an nutzbaren Freiflächen im Quartier auszugleichen und neu entstehende Grünräume in das gesamtstädtische Grünverbundsystem einzubinden. Die Elisabethstraße wird als Fußgängerzone neue zentrale Grünachse im Gebiet und stellt die Verbindung der Brache an der Eisenbahn mit dem neuen "Wellenbereich" an der Wurzener Straße als Tor in die freie Landschaft her. Wege mit gründerzeitlicher Linearität werden ergänzt vom Motiv der Wellen und geschwungenen Wege, die sich in Form von Schuttbändern und Wasserbereichen auf der Brache an der Eisenbahn befinden. Durch Sukzession entstehende Birkenhaine und extensive Wiesenbereiche wechseln auf den übrigen Flächen. Innenhöfe werden zunächst mit gemeinschaftlichen Freiflächen und je nach Bedarf der Anwohner mit privaten Bereichen ausgestaltet. Öffentliche Durchwegungen großer Blöcke verzahnen die Bereiche entgegen des baulichen Rasters und sind Ausgangspunkt für Einblicke und Kommunikation. Sie ergänzen das Angebot der öffentlichen Plätze.
Das große Potential des Stadtteils sind die zahlreichen sozialen Einrichtungen und die optimale Anbindung an den ÖPNV. Nur deren Erhalt kann den Wohnstandort Volkmarsdorf langfristig sichern. Einige Straßen sind für die Erschließung nicht mehr erforderlich und werden der Nutzung durch Fußgänger und Anwohner überlassen. Begrünte und gegliederte Straßenräume tragen nicht nur zur Verkehrsberuhigung und Steigerung der Aufenthaltsqualität bei, sondern mindern auch die Barrierewirkung. Die Eisenbahnstraße bleibt Zentrum von Handel und Gewerbe, wird allerdings passantenfreundlicher umgestaltet. Das neue Kulturzentrum "Alte Schmiede" hilft den Stadtteil auch in diesem Bereich aufzuwerten.
Initiativen der Bürgerbeteiligung sollten aus Gründen der Effektivität gebündelt und gezielter eingesetzt werden.


Detailbereiche

Für zwei Detailbereiche vertiefen wir die Entwurfsidee. Der Þ Entwurf 01 zeigt die aus Trümmerschutt modellierten linearen Wellen an der Wurzener Straße. Sie nehmen die Ausrichtung der Bebauung auf, werden jedoch von der renaturierten Rietzschke als neues zentrales Motiv des Stadtteils durchschnitten und bilden so einen Übergang von der Stadt in die Landschaft. Wasserrinnen dienen der Regenwasserableitung. Ein Platz mit Café und angrenzendem Wasserbecken laden zum Verweilen ein.
Im Þ Entwurf 02 wird die Verzahnung zweier ehemals geschlossener Blöcke thematisiert. Heckenstrukturen stellen einen Filter zwischen gemeinschaftlichen und öffentlichen Bereichen dar. Ein Platz als Erweiterung der Grünachse Elisabethstraße lädt zum Verweilen ein und kann als zentraler Ort im Stadtteil vielfältig genutzt werden. Zusätzlich zu Balkonen stehen Blockinnenbereiche bei Interesse der individuellen Aneignung durch Bewohner zur Verfügung.


Zeithorizonte

Wir schlagen vor, die Maßnahmen auf die drei Þ Zeithorizonte kurzfristig (5 Jahre), mittelfristig (10 Jahre) und langfristig (15 Jahre) verteilt umzusetzen. Jeweils am Ende einer Etappe soll zwischen Planern und Bürgern Bilanz gezogen und die Ziele ggf. angepasst werden. Abriss, Blockdurchwegungen, die Gestaltung der Eisenbahnstraße und der Beginn der Brachenerschließung sind besonders dringlich und daher kurzfristig umzusetzende Maßnahmen. Hinzu kommt der als Modellblock angelegte Bereich direkt südlich der Eisenbahnstraße. Mittelfristig können weitere Blocks folgen. Auch die Entwicklung der ehemaligen Brachen an Mariannen- und Wurzener Straße wird weiter forciert. Langfristig ist an einen Umbau des Plattengebietes gedacht.
Zur Umsetzung der Konzepte setzen wir im baulichen Bereich auf Abbruchfördermittel, Grundstückstausch u.a. Die extensiv gestalteten Grünflächen sowie die Innenhöfe entstehen durch Sukzession bzw. in Eigeninitiative der Bewohner, z.B. durch Pflanzaktionen und können über Zivildienstleistende oder ABM-Kräfte gepflegt werden. Maßnahmen im Bereich Rietzschkeband, sowie an Eisenbahn- und Wurzener Straße sind als städtische Investitionen ohnehin geplant. Soziale Begleitmaßnahmen werden durch Vereine oder das fortzuführende Programm "Soziale Stadt" o.a. getragen.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir über eine Verbesserung der Freiraumausstattung bei gleichzeitiger Anpassung des baulichen Bestandes versuchen, die Attraktivität von Volkmarsdorf als Wohnstandort zu stärken und somit auch wirtschaftliche und soziale Einrichtungen im Gebiet zu sichern.



Urteil der Jury:

Das Projekt wurde in einem hohen Maß durch eine umfassende Analyse realitätsnah durchgearbeitet.