Perforierte Stadt: -40 / +10
Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

 

StadtLandschaft

Katrin HERTZSCH, Ronny MICHALSKY, Marco PATZER, André SCHNEIDER

"Zweiter Preis"
Hochschule für Technik und Wirtschaft, DRESDEN, [HTWD]
Fachgebiet Städtebau und städtebauliches Entwerfen
Fachgebiet Freiraumplanung


Abstract

Es ist die Arbeit mit dem natürlichen Zyklus von Entstehung und Zerfall. Städte sterben in Teilen, werden von der Landschaft zurückerobert. Konzepte für eine sinnvolle Steuerung oder Nutzung dieses Prozesses sind notwendig.




einleitung

Die europäischen Städte expandieren nicht mehr so, wie dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Leerstehende Häuser, zum Teil sogar fast ausgestorbene Straßenzüge geben Anlass zum Handeln. Zahlreiche Familien bauen ihre Häuser vorzugsweise auf der grünen Wiese am Stadtrand oder im ländlichen Raum. Der innerstädtische Neubau ist in einem Ausmaß, wie es zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts der Fall war, nicht mehr vorstellbar.
Ein Projekt, organisiert vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI unter dem Namen Leipzig: Perforierte Stadt/-40+10, sucht Lösungsansätze in einem Gebiet, auf das der Zustand der Landflucht auf gravierende Art und Weise zutrifft.
Im Leipziger Osten, genauer im Stadtteil Volkmarsdorf, soll auf einem repräsentativen Streifen dem Aussterben der Stadt entgegengetreten werden.


lauf der dinge

kommen und gehen.
Es ist der einzige permanente Prozess, dem alle Dinge unterliegen. Genau wie Lebewesen, sind die unbelebten Dinge und die von uns geschaffenen Systeme nicht von ewiger Dauer.Auch Städte sind diesen Regeln unterworfen. Diese Gesetze anzuerkennen ist sinnvoller, als gegen sie zu arbeiten. Teile unserer Städte haben ihr Leben verbraucht und werden von der umgebenden Landschaft zurückgewonnen. Dies darf nicht als Verlust verstanden werden, sondern als Stadium eines natürlichen Kreislaufes.

stadt und landschaft.
Landschaft als unbesiedelter Raum und Stadt als kompakte, vom Menschen bebaute und besiedelte Fläche.
Die Gegensätzlichkeit zwischen beiden verschwindet immer mehr. Das eine wird Teil des anderen. In wirtschaftlich aufstrebenden Regionen wird die umgebende Landschaft von den Siedlungen vereinnahmt. In wirtschaftlich schwächeren Regionen mit sinkenden Bevölkerungszahlen vollzieht sich dieser Prozess umgekehrt.
Am Beispiel des Planungsgebietes im Osten der sächsischen Stadt Leipzig nimmt unbebaute Landschaft ehemals bebaute Flächen ein. Während früher Gebäude das Gerüst bildeten, sollen nun landschaftliche Elemente diesen Zweck erfüllen. Im konkreten Fall sind es extensive genutzte Wiesen und Gehölzgruppen.


Die Stadt als ideales System, als endgültig definierte Form gibt es nicht mehr. Sie wächst und schrumpft wie ein natürlicher Organismus.

Kisho Kurokawa [japanischer Architekt]




zustand

freiräume.
Im Leipziger Osten gibt es eine Vielzahl ungenutzter bzw. unattraktiver Freiräume. Die Eisenbahnstraße als eine der Hauptverkehrsachsen der Stadt empfängt den Leipzig-Besucher mit einer Art Endzeitstimmung. Das Wohnumfeld ist in seinem derzeitigen Zustand als sehr nüchtern zu betrachten, die Aufenthaltsqualität ist sehr gering. Spielflächen sind entweder nicht vorhanden oder wirken auf Kinder nicht gerade einladend. Der Wunsch nach dem Grün vor der eigenen Haustür wird unzureichend befriedigt. Öffentliche Grünflächen, wie etwa das Rabet, sind vorhanden, lösen aber den bestehenden Freiraumnotstand nicht. Sie werden größtenteils von der Bevölkerung nicht angenommen.

wohnungsleerstand/sozialstruktur.
Der hohe Anteil der leerstehenden Wohnungen (> 40 %) und die Tatsache, dass sich z. T. bis zu 70 % der Bevölkerung mit Umzugsgedanken tragen, hinterlassen den Eindruck einer Endzeitstimmung im Leipziger Osten. Besonders die für den Stadtteil typischen Gründerzeitquartiere sind vom Leerstand betroffen. Sie entsprechen aufgrund ihrer dichten Bebauung und der Wohnraumaufteilung nicht mehr den modernen Ansprüchen des heutigen durchschnittlichen Wohnraumsuchenden. Es sollte allerdings bedacht werden, dass dieser für die Industrialisierung in Deutschland stehende Bebauungstyp in einer derartigen Größenordnung weltweit selten, wenn nicht sogar einzigartig ist und daher sorgfältig behandelt werden muss. Einige Gebäude sind in ihrer Bausubstanz leider schon so verfallen, dass ein Abriss unvermeidlich ist.
Die im Quartier in nicht unbeträchtlicher Anzahl stehenden Plattenbauten sind zwar nicht besonders attraktiv, werden aber von der Bevölkerung, auch von Ausländern, wahrscheinlich wegen ihrer geringen Mieten noch angenommen. Es ist trotz alledem zu bedenken, ob eine dauerhafte Erhaltung dieser Gebäude in vollem Umfang anzustreben ist.
Interessant ist, dass ein Teil der Anwohner sehr gern in diesem Stadtteil wohnt.

verkehr.
Sich in Bewegung befindendes oder parkendes Blech prägt das Erscheinungsbild im Osten der sächsischen Messemetropole. Das für die Gründerzeitbebauung typische rasterartige, dichte Straßensystem mindert die Wohnqualitäten erheblich und zergliedert den städtischen Raum. Ruhige Bereiche gibt es kaum, der Straßenlärm ist allgegenwärtig. Familien mit Kindern werden diesen Stadtteil sicher nicht bevorzugen. Die zahlreichen Straßen engen die Anwohner ein. Ein ungehindertes Aufsuchen von Grünflächen, öffentlichen Einrichtungen, o. ä. ist so kaum möglich. Es ist fraglich, ob eine Verlegung der Eisenbahnstraße, die schon öfter angedacht war, das Problem der leerstehenden Gebäude lösen wird, der zerschneidende Charakter wird ohne bauliche Veränderungen erhalten bleiben. Besonders an den hochfrequentierten Verkehrsachsen ist der Gebäudeleerstand extrem sichtbar.


wandel der landschaft

rückzug rückkehr.
In naher Zukunft ist der Abriss verfallener Gebäudesubstanz unvermeidbar. Besonders an den hochfrequentierten Verkehrsachsen (z. B. Eisenbahnstraße) müssen Häuser weichen. Plattenbauten bleiben aufgrund ihrer Beliebtheit bei der Bevölkerung noch erhalten.
Entstehende Freiflächen werden ohne aufwendige Gestaltung zu naturnahen extensiven Wiesen in der Stadt mit Gehölzgruppen. Art und Weise der Nutzung wird nicht vorgeschrieben, sie ergibt sich von allein. Neu angelegte Rad- und Fußwege bilden die Grundlage dazu. Nur ein paar Minuten sind es bis zur Erholung.
Wohnen im Grünen ist attraktiver, die unmittelbare Umgebung bleibender Gebäude wird aufgewertet. Gemeinschaftliche Freiräume von besserer Aufenthaltsqualität werden geschaffen, es sollen Lösungen gefunden werden, die das parkende Blech von der Straße verschwinden lassen.
Die Stadt zieht sich zurück...

ruhepunkt.
Langfristig werden auch die sich im Planungsgebiet befindlichen Plattenbauten entfernt. Anderenorts gibt es ausreichend Bausubstanz diesen Typs, die erhalten wird. Mauerfragmente berichten dann von früheren Zeiten.
Wenige Gebäude stehen nun in einer neuen Landschaft. Markant, historisch wertvoll oder von erhaltenswerter (baulicher) Substanz sind diese ausgewählten Fixpunkte. Besonders eine Kirche im Wald soll weithin sichtbar sein.Ein neuer Anblick, Grünpflege durch Schafe in der Stadt, kann vielleicht Realität werden.
Die Landschaft ist zurückgekehrt, der städtische Boden ruht...


neuanfang

umkehr.
Die Landschaft in Form von extensiven Wiesen oder Wäldern bedeutet nicht Endstation einer Entwicklung. Vielmehr kennzeichnet sie eine Zwischenphase. Offen in Art und Zeit einer folgenden Nutzung. Ressource für Erholung, Bebauung, Landwirtschaft kann diese Fläche sein.
Ein Kreislauf, der vor mehreren hundert Jahren schon einmal begann, ist abgeschlossen und kann von Neuem beginnen.
Systematisch angelegte Gehölze bilden die Grundlage zur Begrünung neuer Quartiere.. Natürlich ist eine Bebauung in ferner Zukunft nur optional zu betrachten. Es ist nicht sinnvoll, neue Gebäude zu errichten, solange Bevölkerungszahlen noch immer sinken oder neuer Wohnraum nicht benötigt wird.


ansichten

Die Unterhaltung städtischer Grünflächen ist ein viel diskutiertes Thema. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel sind knapp. Besonders in Städten mit abnehmenden Bevölkerungszahlen wird es in absehbarer Zeit immer mehr Flächen geben, für die nur eine Begrünung in Frage kommt, welche kostengünstig zu pflegen ist. Die Diskrepanz zwischen gartenkünstlerischem Gestaltungswillen, landschaftsarchitektonischem Entwurf und der Realität der Mindestpflege wird also in den finanzschwachen Regionen und Städten zwangsläufig zu dem oft beklagten Verlust zentraler Qualitäten in diesen Freiräumen führen. Ziel für den Leipziger Osten muss es sein, Brachen und wegfallende Wohngebiete nicht mit großem Aufwand auf Basis von Planungen umzugestalten, sondern der Sukzession freien Lauf zu lassen. Allerdings sollten die Flächen nicht vollständig sich selbst überlassen bleiben, sondern mittels extensiver Nutzungen (Wald- und Wiesenflächen) ein gewisser ästhetischer Hintergrund geschaffen werden. Stellt sich die Frage, ob die Schaffung und Unterhaltung derartiger Freiflächen so kostengünstig ist, damit sie als echte Alternative zu herkömmlichen architektonischen Entwürfen gilt. Beispiele wie das Projekt "Industriewald Ruhrgebiet" lassen sie mit ja beantworten. Ausgediente Industriebrachen wurden hier in eine Erholungs- bzw. Waldlandschaft umgewandelt.
Es entstanden Produktionswälder, in denen nicht Holz produziert wird, sondern Wildnis. Auf jeden Fall hat man vorgemacht, wie mit geringem finanziellen Aufwand qualitativ ansprechende und vor allem natürliche Erholungsmöglichkeiten geschaffen werden können.
Für den Leipziger Osten bedeutet dies, dass durch gezielten Abriss Freiflächen entstehen, auf denen sich eine Landschaft entwickelt, die es später einmal ermöglichen soll, Gewerbeparks und Siedlungen zu bauen, die von bereits existierenden, wertvollen Gehölzstrukturen profitieren, welche bis dahin das räumliche Gerüst der Landschaft bildeten.

[Quelle: Garten+Landschaft 5/2002]



Urteil der Jury: "Zweiter Preis"

Unter den grundsätzlichen Strategien, mit denen auf die Stadtschrumpfung reagiert werden kann, stellt diese Arbeit die "Passiv-Variante" am konsequentesten dar: Nicht "entgegen stemmen", sondern "dem Lauf der Dinge" betrachtend und sanft steuernd folgen. Der Ausgangspunkt lautet: Was kann man tun, wenn der Bevölkerungsverlust irreversibel eingetreten ist? Die Antwort wird im "Wertewandel" gesucht, d.h. die "Folgelandschaft nach der Stadt" wird nicht als Verlust, sondern als positives Erlebnis angeboten. Die Kraft zu diesem Schritt über den bisherigen Wertehorizont hinaus wird aus der (philosophischen) Einsicht erhofft, dass Stadt niemals ein Gebilde von konstantem Bestand ist, sondern stetigem Wachsen und Schrumpfen ausgesetzt ist, weshalb die derzeitigen Phänomene keine Einmaligkeit darstellen.

Einschränkend ist anzumerken, dass die soziale Komponente des Bevölkerungsrückgangs bei dieser Betrachtungsweise nicht behandelt wird. Auch entspricht Kurokawas Vergleich "Stadt = lebendiger Organismus" in dieser Verkürzung nicht den tatsächlichen Gegebenheiten.