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Leipzig
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Die Volkmarsdorfer Berge

Stefanie OEFT-GEFFARTH

"Erster Preis"
Hochschule für Kunst und Design, HALLE, Burg Giebichenstein
Fachbereich Kunst und Medien


Abstract

Unter der Annahme, daß unser Gebiet dem Leerstand geweiht ist und bleibt, versuche ich der Idee der Erhaltung von Zeugnissen - nicht zuletzt auch unserer Zeit - eine Form zu geben.
Das Prinzip von geologischen, archäologischen Schichtungen, die einerseits Informationen verstecken und bergen, andererseits konservieren und erhalten, habe ich als Ausgangsidee gewählt.
So entledige ich mich durch Aufschüttung - Verschüttung und Flutung der ungenutzten Häuser - der Last des Bewahrens des Alten; gleichzeitig erhalte ich Informationen (Stadt als materielles Zeugnis von Kultur und Gesellschaft) und ermögliche Geschichtsrekonstruktion zum Zwecke der Selbstvergewisserung - für kommende Gesellschaftsformen.

Es kommt zur Veränderung der Landschaft und es entstehen die  "Volkmarsdorfer Berge" .

Da auf Zerstörung verzichtet wird, besteht zu jeder Zeit ein Rückgriff auf Wohnräume, die je nach Bedarf requiriert werden können; wo in verbliebenen Resträumen neue Wohnräume entstehen können (Erdwohnungen, Pfahlbauten, Höhlenwohnräume), die sich in die Landschaft einfügen und zugleich dem historischen "Untergrund" Rechnung tragen, indem sie das Bewusstsein dem Vergangenen gegenüber bewahren.





schichtungen – geschichtet – geschichte

Ich habe mir Stadt und Landschaft im Querschnitt vorgestellt. Dabei kamen mir Bilder von Schichtungen in den Sinn, und ich hatte die Idee, Sichtbares, Obenauf-Sitzendes ebenfalls als Schicht zu begreifen. Mir wurde klar, daß ich dieses Projekt ebenso unter historischen Aspekten betrachten muß wie unter gegenwärtigen oder zukunftsweisenden. Eine erste Assoziation war die antike Stadt Troia, eine Stadt, die vielleicht 9 verschiedene Phasen durchgemacht hat – Schichten gebildet hat.

Beim Sammeln für das Projekt bin ich auf unterschiedliche  Schichtungen  gestoßen:

 Geologische  Schichtungen , die uns von der Erdgeschichte erzählen, wie Gesteinsformationen oder Gebirgsfaltungen, die sichtbar werden durch Bohrungen, Tagebau und Steinbrüche;
 Paläontologische  Schichtungen, die die Entwicklungsgeschichte von Flora und Fauna aufbewahren, beispielsweise Fossilien von Pflanzen, Tieren oder Urmenschen;
und  Zivilisatorische  Schichtungen, die Aufschlüsse geben über die Geschichte der menschlichen Gesellschaft, wie eben Troia, aber auch Müllkippen des 20. Jahrhunderts, wo amerikanische Soziologen Bohrungen und Grabungen vorgenommen haben und so Ess- und Kulturgeschichte der 50er Jahre anhand konservierter Hotdogs konstruieren.

Eine weitere Kategorie von Schichtung bezeichne ich als  museale  Schichtung, die durch bewußtes Handeln Objekte zu konservieren versucht. Ein Beispiel dafür ist die chinesische Terrakotta-Armee, die in Gräben gestellt und mit Holzdecken zugedeckt wurde, um sie so vor Zerstörung zu schützen.

So entstehen Schichten durch von uns unbeeinflußbare Ereignisse wie Naturkatastrophen, Landschaftsveränderungen – man denke nur an Gletscher (Eiszeit), Wanderdünen oder Vulkanausbrüche. Ein sehr beeindruckendes und emotional berührendes Ergebnis ist das verschüttete Pompeji. Ein Ascheregen, der eine Stadt überrascht – Menschen werden zugedeckt, verharren in Positionen, die sie in diesem Moment einnahmen – die Asche verfestigt sich, organisches Material zerfällt und es bilden sich Hohlräume. Nach deren Entdeckung hat man sie mit Gips ausgegossen, und die Menschen wurden so wieder sichtbar: Eine bemerkenswerte Metamorphose menschlicher Spuren. Rachel Whiteread hat in einer künstlerischen Arbeit dieses Prinzip in ähnlicher Weise aufgenommen: Sie hat ein Haus in Wien vor seinem umstrittenen Abriß ausgegossen, so daß nach dem Abriß ein Negativabdruck des umbauten Raumes übrigblieb.

Schichten entstehen aber auch durch bewußtes menschliches Eingreifen, durch Verschüttung oder Flutung, wenn wie in Troia ältere zivilisatorische Schichten zugeschüttet werden, um darauf Neues zu errichten, oder wenn beim Bau eines Stausees Dörfer geflutet werden, so daß nur noch die höchsten Punkte sichtbar bleiben – wie zur Erinnerung ragt der Kirchturm aus dem See. An dieser Stelle wird deutlich, daß ich Schichten nicht nur als Informationsträger sehe, sondern sie auch als emotional aufgeladen begreife. In dieser Perspektive hat der Künstler Anselm Kiefer gearbeitet, für den die  Geschichte im Erdboden gespeichert  ist. ("Unternehmen Barbarossa" = deutscher Überfall auf die Sowjetunion 1941;
"et la terre tremble encore" = und die Erde zittert noch)


 Ansatzpunkt  ist nun die Betrachtung der Stadt als materielles Zeugnis von Kultur und Gesellschaft. Spätestens seit der Aufklärung halten wir es für notwendig, zum Zwecke der Selbstvergewisserung unsere Herkunft und Vergangenheit möglichst genau zu kennen. So versuchen wir, anhand von materiellen und ideellen Zeugnissen Geschichte zu rekonstruieren. Gelegentlich neigen wir sogar dazu, Duplikate von Geschichte zu schaffen, man denke nur an die aktuellen Diskussionen über den Wiederaufbau längst zerstörter Architektur. Um Informationslücken zu vermeiden, sind wir bestrebt, alle Äußerungen unserer Kultur vollständig und umfassend zu erhalten. Inzwischen konserviert und archiviert bereits jeder Einzelne seine Gegenwart.


 Konkret vor Ort:  Leipzig Ost / Volkmarsdorf – unser Ausschnitt:
Leerstand in den Gründerzeithäusern
Noch bewohnte Häuser im Plattenbaubereich


 Meine Annahme  ist, daß einerseits die Gründerzeitbauten auf unbestimmte Zeit unbewohnt bleiben und andererseits die Plattenbauten innerhalb weniger Jahrzehnte auch leerstehen werden, denn der Stadtteil ist nicht attraktiv für Neuzuzüge und der Bevölkerungsabnahme, die hier schon sichtbar wird, kann man sich ohnehin nicht entziehen. Also ein Stadtteil, der nicht mehr gebraucht wird. So ergibt sich die Frage: Warum erhalten wir die Häuser dieses Stadtteils?

 Meine Antwort:  Es ist eine implantierte Wertvorstellung von allem Alten.

Wenn weder der ursprüngliche noch ein neuer Sinn mehr vorhanden sind, verkommt die Erhaltung von Vergangenem und Gegenwärtigem zum reinen Selbstzweck.

Diese Erhaltung zum Selbstzweck empfinde ich als Last.

So stelle ich die Forderung nach Respektlosigkeit:  Wir müssen die Musealisierung unserer Vergangenheit verwerfen, die Last loswerden, ohne sie zu vernichten.  Ich fordere eine andere Art von Konservierung und Archivierung unserer Geschichte.


Dies möchte ich an einem aktuellen  Beispiel  verdeutlichen:

Türkei / Südostanatolien: In einem Gebiet, wo sich unzählige archäologische und kulturelle Zeugnisse befinden, will die türkische Regierung einen Stausee bauen. Große Entrüstung ging quer durch unseren Kulturkreis, Archäologen und Forscher versuchten zu retten, was noch zu retten war, bevor gebaut und geflutet werden sollte.

 Meine These  ist, daß durch die Flutung des Gebietes eine Plünderung und Zerstörung der Kulturgüter verhindert wird und somit eine längerfristige Konservierung möglich ist, denn, das zeigen Ergebnisse der Unterwasserarchäologie, konserviert Wasser hervorragend, vor allem auch organisches Material.


Was bedeutet das für unser Projekt?

Unter der Prämisse, daß Leipzig diesen Stadtteil nicht mehr benötigt, lege ich als  Ziel  fest:
Die Schaffung einer vollständig bewohnbaren Landschaft mit Verkehrsachsen und Infrastruktur.

 Der Weg: 

Zunächst wird die Zeugnislast abgebaut, indem man hier eine bewährte Form der Konservierung einsetzt. Meine Idee ist die Aufschüttung / Verschüttung und teilweise Flutung des Gebietes. Dies geschieht allmählich: Vorerst bleiben 2 bis 3 Etagen erhalten – es werden also etwa 5 Meter mit Erde oder Schutt verfüllt. Bei weiterem Leerstand werden Restetagen entweder abgetragen oder ebenfalls aufgefüllt. Orte mit besonderen zivilisatorischen Funktionen bleiben erhalten. Früher wären dies Orte des Glaubens und der Macht gewesen, heute sind es Einkaufszentren und Verkehrswege – Merkmale der modernen Ersatzreligionen "Konsum" und "Urbanität / Flexiblität". So bleibt die vorhandene Infrastruktur mit ihren Hauptverkehrsachsen erhalten und wird weiter genutzt.


Sollte sich die Situation verändern, also wieder Bedarf an Wohnraum oder nach anderen Wohnformen entstehen, kann jederzeit ein Rückgriff auf vorhandene – konservierte! – Rest-räume stattfinden.

 Mein Angebot:  Erd- und Hügelwohnungen.

Wohnformen, die sich einerseits an neue Bedürfnisse anpassen, so z.B. ökologische und energiesparende Aspekte berücksichtigen, andererseits eine sentimental-emotionale Rückzugsmöglichkeit bedeuten; nicht solitär aufstrebend, sondern Sich-einlassend in jeder Hinsicht: In den Boden, in die Geschichte, in die Form der Höhle als elementare menschliche Erfahrung.


Es kommt allmählich zur Landschaftsveränderung: Das Flachland bekommt Berge.

 Sollte es zu keiner Nutzung mehr kommen, wird auch das Verschüttete immer wieder durchscheinen:  Der Stadtteil hat der Landschaft sein Signum aufgedrückt – Volkmarsdorf von oben als lesbare Spur.




Urteil der Jury: "Erster Preis"

Die Arbeit überzeugt durch den zugrunde liegenden geschichtsphilosophischen Gedanken. Anhand der Prinzipien der geologischen und archäologischen Schichtungen, die Informationen bergen, konservieren und erhalten, wird als exzeptionelle und visionäre Methode der Veränderung von Landschaft die Aufschüttung, d.h. die Flutung und Verschüttung der ungenutzten Häuser vorgeschlagen. Die gesamte Argumentation ist philosophisch gut aufgearbeitet und konsequent durchdacht.

Weniger überzeugend ist der Vorschlag für die Nutzung von Resträumen als Höhlenwohnräume.